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LIBRARY
OF THE
UNIVERSITY OF CALIFORNIA-
Cli 7SV
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DIE IWEINBILDER
AUS DEM 13. JAHRHUNDERT
IM HESSENHOFE ZU SCHMALKALDEN
VON
PAUL WEBER
A. O. PROFESSOR AN DER UNIVERSITÄT JENA
SONDERDRUCK AUS DER »ZEITSCHRIFT FÜR BILDENDE KUNST«
LEIPZIG UND BERLIN
VERLAG VON E. A. SEEMANN
1901
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HERRN SENATOR Dr. OTTO GERLAND
in HILDESHEIM
GEWIDMET
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I.
PROFANMALEREIEN DES DEUTSCHEN
MITTELALTERS.
AS Bestreben, die Wände des Heims künst¬
lerisch zu verzieren, dem Auge etwas zu bieten,
woran die Phantasie haften kann, womöglich
Abbilder dessen als Wandschmuck dauernd um sich
zu vereinigen, woran des Bewohners Herz besonders
hängt, dieses Bestreben ist allen einigermassen fort¬
geschrittenen Kulturen eigen, wo nicht gerade religiöse
Vorschriften oder Anschauungen dem hindernd in
den Weg treten. Auch das deutsche Mittelalter, dessen
Kunstübung man so gern lediglich von der kirch¬
lichen Seite her zu betrachten geneigt ist, hat auf
diesem Gebiete der häuslichen profanen Kunst sich
viel lebhafter bethätigt, als, nach den kunstgeschicht¬
lichen Handbüchern zu schliessen, im allgemeinen
angenommen wird. Nur war das Mittelalter in der
Auswahl der Darstellungsmittel gegenüber der antiken
Kultur und der der neueren Zeiten wesentlich ärmer.
Es fehlte ihm für den häuslichen Zimmerschmuck
vor allem das bewegliche Tafelbild, das zwar für
kirchliche Altäre schon in karolingischer Zeit urkund¬
lich nachgewiesen ist1) und sicher auch für den
häuslichen Altar wenigstens der vornehmen Wohnung
schon frühe im Gebrauch war, hier und da wohl
auch einmal für Porträtdarstellungen zur Verwendung
gelangte, im allgemeinen aber wohl sicher vor dem
Beginne des 15. Jahrhunderts nur in sehr geringem
Umfange zum Schmucke der häuslichen Wohnung
herangezogen worden ist Bis zu diesem Zeitpunkte
blieb die künstlerische Darstellung im wesentlichen
gebunden an die unbewegliche Bemalung des Wand¬
verputzes oder an die zwar bewegliche aber in den künst¬
lerischen Ausdrucksmitteln sehr beschränkte Teppich¬
kunst, deren bald mehr, bald weniger kunstvolle
Schöpfungen man als »Rücklaken« vor der Wand aus¬
spannte.
Es liegt in der Natur der Sache, dass von diesen
1) Vgl. J. v. Schlosser, Beiträge zur Kunstgeschichte
aus] den Schriftquellen des frühen Mittelalters, Wiener
Sitzungsberichte Bd. CXXIU, S. 72 f.
beiden Zweigen profaner Kunstthätigkeit des Mittel¬
alters nur ganz vereinzelte Reste sich bis auf unsere
Zeit retten konnten. Die Bemalung der Wände fiel
den baulichen Veränderungen zum Opfer, die leicht
vergänglichen Werke des Webstuhles und der Nadel
den Motten, Bränden und sonstigen zerstörenden
Mächten der Jahrhunderte. Doch darf die geringe
Zahl erhaltener Denkmäler uns nicht zu dem Schlüsse
verleiten, dass solche kunstvolle Verzierung des Heims
im Mittelalter eine Ausnahme gewesen sei. Was zu¬
nächst die Ausstattung mit figürlich verzierten Teppi¬
chen und Leinwandbehängen anbelangt, so beweist
deren häufige Erwähnung in dichterischen und ur¬
kundlichen Quellen vom 8. Jahrhundert an *) bis zum
Ausgange des Mittelalters, dass solcher Schmuck in
den besseren Haushaltungen etwas ganz Gewöhnliches
gewesen sein muss. Wenn auch die Liebhaberei für
dieses mannigfach verwendbare Dekorationsmittel in
den verschiedenen Jahrhunderten des Mittelalters in den
einzelnen Ständen bald ab-, bald zunahm*), so war sie
doch auch in den Jahrhunderten vor der Blütezeit
der ritterlichen Kultur gewiss nicht nur auf die höch¬
sten Kreise beschränkt, wie man früher wohl gelegent¬
lich angenommen hat, weil das einzige erhaltene Denk¬
mal aus dieser Zeit zufällig von einer hohen Frau ge¬
stickt worden ist Das ist der oft besprochene und
abgebildete »Teppich von Bayeux«, den Mathilde, die
Gemahlin Wilhelm's des Eroberers, um das Jahr 1066
mit ihren Mägden gefertigt haben soll, ein 71 m langer,
mit Wollfäden bestickter Leinenbehang mit Darstellungen
der Eroberung Englands durch Wilhelm. Lange Zeit
wurde der Teppich in der Kathedrale zu Bayeux auf¬
bewahrt, jetzt befindet er sich auf dem Stadthause
daselbst Dass er von Anfang an zweifellos zur De¬
korierung eines weltlichen Raumes bestimmt war, be-
1) Vgl. Moritz Heyne, Das deutsche Wohnungswesen,
Leipzig 1899, S. 52 A. 5 u. S. 103 f.
2) Vgl. darüber die sehr fleissige und anregende Studie
von Q. Stephani , Die textile Innendekoration des früh¬
mittelalterlichen deutschen Hauses und die ältesten Sticke¬
reien Pommerns. Halle'sche Dissertation 1898, auch als
Festschrift in den »Beiträgen zur Geschichte u. Altertums¬
kunde Pommerns« erschienen, Stettin 1898.
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2
DIE IWEINBILDER AUS DEM 13. JAHRH. IM HESSENHOFE ZU SCHMALKALDEN
weist die Thatsache, dass dieser Teppich zu Beginn
des 12. Jahrhunderts mit erwähnt wird unter dem
Schmucke des Schlafzimmers der Gräfin Adele von
Blois, der Tochter Wilhelm’s des Eroberers.1)
Nicht nur nach rückwärts, auch nach vorwärts
steht dieses älteste erhaltene Denkmal profaner ger¬
manischer Teppichkunst allerdings ziemlich vereinsamt
da. Denn wenn wir von den Quedlinburger Teppichen
mit der Darstellung der Hochzeit des Merkur mit der
Philologie absehen (12. Jahrhundert), die doch wohl
kirchlichen Ursprunges sind, finden wir erst beim
Beginn des 14. Jahrhunderts wieder bedeutendere
Denkmäler ausgesprochen weltlichen Charakters vor,
so den Tristanteppich im Kloster Wienhausen bei
Celle8) und die grosse Leinwand mit der Darstellung
der Fuchsfabel, die jetzt im Chor der Katharinen¬
kirche zu Lübeck aufbewahrt wird. 3) Es scheint sich
eben überhaupt nur das an weltlichen Denkmälern
der Art aus früherer Zeit erhalten zu haben, worüber
sich bei Zeiten die schützende Hand kirchlichen Be¬
sitzes gebreitet hat.
Von der Mitte des 14. Jahrhunderts an werden
dann die erhaltenen Webereien und Stickereien mit
Darstellungen profanen Inhaltes viel zahlreicher, wenn¬
gleich auch hiervon das Meiste seit langem in den
Kirchen zu suchen ist.4)
Bei den Wandmalereien ist die Erhaltung an und
für sich mehr gewährleistet durch die Dauerhaftigkeit des
Materiales. Dafür sind sie aber der Zerstörung bei
Um- und Neubauten schutzlos preisgegeben, vielfach
auch, wo sich das Gebäude unverändert erhalten hat,
unter Bemalungen oder Übertünchungen späterer Zeiten
verschwunden. Gerade dieser Umstand lässt uns aber
hoffen, dass sich mit der Zeit die grosse Lücke im
Bestände unserer mittelalterlichen Kunstdenkmäler nach
dieser Seite hin immer mehr schliesst und dass unsere
vom Finderglück begünstigte Zeit noch manches Denk¬
mal der Art unter der Tünche hervorziehen wird. Zwar
ist wohl kaum eine Hoffnung vorhanden, dass wir von
den grossen Wandbildercyklen unserer frühmittelalter¬
lichen Herrscher jemals wieder eine ausreichende Vor¬
stellung gewinnen, wie sie nach dem Vorbilde der
Ausstattung antiker Kaiserpaläste bis ins 1 1. Jahrhundert
herein beliebt waren: zu Monza im Palaste derTheode-
linde dieScenen aus der Geschichte der Langobarden5),
1) Poetische Schilderung des Abtes Baudri de Bour-
geuil (vor 1107). Neuerdings abgedruckt bei J. v. Schlosser ;
Quellenbuch zur Kunstgeschichte des abendländischen
Mittelalters, S. 218 f.
2) Vgl. Mithoff, Archiv für Niedersachsens Kunstge¬
schichte. Taf. 6 und 7.
3) Zeitschr. d. Ver. f. Lübecks Gesch. u. Altertums¬
kunde. 1860. S. 122 f.
4) Ausser Heyne, Deutsches Wohnungswesen, S. 248
und anderwärts, ist für die Zusammenstellung des Erhal¬
tenen zu vergl. Otte, Handbuch d. kirchl. Kunstarcliäologie
I6, 137; Schultz , Höfisches Leben l2, 76 f. und vor allem
die oben erwähnte Arbeit von Stephani, Die textile Innen¬
dekoration des frühmittelalterlichen deutschen Hauses, na¬
mentlich von S. 43 ab.
5) Paulus Diaconus, hist. Langob. 1. IV, cap. 23.
in den Pfalzen KarPs des Grossen und Ludwig’ s des
Frommen die Weltgeschichte bis zur Kaiserkrönung
vom Jahre 800 *), in der Pfalz Heinriche I. zu Merse¬
burg der glorreiche Sieg über die Ungarn vom Jahre
9332), im Valkhofe zu Nymwegen der trojanische
Krieg und der Zug Alexanders des Grossen3), — wohl
aber dürfen wir annehmen, dass von der grosssen
und weitverbreiteten Liebhaberei für kunstvoll ausge¬
malte Gemächer, wie sie uns für die Herrensitze in
der Blütezeit der ritterlichen Kultur aus Dichtungen
und urkundlichen Nachrichten oftmals bezeugt ist,
sich weit mehr Denkmäler erhalten haben, als zur
Zeit bekannt sind. Julius von Schlosser hat in seinen
grundlegenden Studien zur Geschichte der mittelalter¬
lichen Profankunst, die seit dem Jahre 1893 in regel¬
mässiger Folge im »Jahrbuch der Kunstsammlungen
des allerhöchsten Kaiserhauses« erschienen sind, mit
grosser Gewissenhaftigkeit zusammengestellt, was ihm
an Resten profaner mittelalterlicher Wandmalerei oder
an Nachrichten über solche bekannt geworden ist.*)
Otto Piper in seiner »Burgenkunde« (München
1895, S. 460 f.) nennt eine Reihe Denkmäler.
Dann haben Dürrer und Wegeli in ihrer hübschen
Veröffentlichung »Zwei schweizerische Bildercyklen
aus dem Anfang des 14. Jahrhunderts«*) die acht in
der Schweiz erhaltenen Profancyklen des 14. Jahr¬
hunderts namhaft gemacht und einen derselben, die
famose Ausmalung der Trinkstube zu Diessenhofen
aus dem Anfänge des 14. Jahrhunderts, in guten Nach¬
bildungen vollständig der Wissenschaft zugänglich
gemacht. Ausserdem haben teils die Inventarisations¬
arbeiten, teils glückliche Funde der letzten Jahre die
bis vor kurzem noch so geringe Zahl mittelalterlicher
profaner Wandgemälde um eine ganz erfreuliche Reihe
vermehrt, so dass nun das ewige Herumreiten auf
den zwar unzählige Male besprochenen, aber noch
niemals genügend und vollständig veröffentlichten
Runkelsteiner Fresken6) bald überwunden sein dürfte.
Zu einer zusammenfassenden Bearbeitung dieses ganzen
Denkmälerschatzes ist aber die Zeit wohl noch nicht
gekommen, so lange die Inventarisationen noch nicht ab¬
geschlossen sind. Es wird wohl noch auf einige Zeit
hinaus die Zugänglichmachung einzelner besonders
1) Pseudo - Turpin, De gestis Caroli M., cap. 31.
Ermoldus Nigellus, De laude Lhudovid 1. IV, Vers 244 f.
2) Liutprandi Antapodosis 1. II, cap. 31.
3) Geschildert in einem altfranzösischen Chanson de
geste. Vergl. K Plath, Het Valkhof te Nijmegen, Amster¬
dam 1898.
4) Jahrg. XVI (1895), S. 158 f., S. 174 f. Jahrg. XIX
(1898), S. 240 f.
5) Mitt. d. antiquar. Gesellsch. in Zürich, Bd. XXIV,
Heft 6, LXIII. Neujahrsblatt 1899, S. 257 (5).
6) Neben der ganz veralteten Veröffentlichung von
Zingerle-Seelo' s » Freskencyklus des Schlosses Runkelstein bei
Bozen« vom Jahre 1857 ist neuerdings noch zu vergl.
Waldstein, Mitt. d. k. k. Central-Kommiss. N. F. XX (1894),
S. 1 f. und Lind , ebenda S. 144; Schlosser , allerhöchstes
Jahrb. XVI (1895), S. 173 und Zingerle , Germania II, 467,
XXIII, 28.
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DIE IWEINBILDER AUS DEM 13. JAHRH. IM HESSENHOFE ZU SCHMALKALDEN
3
wertvoller Bildercyklen die Hauptaufgabe bleiben. Die
einzelnen Bausteine herbeizuschaffen und zu behauen,
ist zur Zeit nützlicher, als ein lückenhafter überhasteter
Aufbau.
Bis jetzt zeigt sich beim Überblick über die be¬
kannt gewordenen ausserkirchlichen Wandbiidercyklen
des Mittelalters dieselbe Erscheinung, wie bei den
Teppichbildem: Aus der Spätzeit des Mittelalters, aus
dem 14. und namentlich aus dem 15. Jahrhundert,
sind Denkmäler in ausreichender Zahl erhalten und
vermitteln, zusammen mit den schriftlichen Quellen,
eine recht gute Vorstellung von der Ausstattung des
ritterlichen Ansitzes und namentlich des städtischen
Patrizierhauses des ausgehenden Mittelalters. Für das
12. und 13. Jahrhundert aber, also für die eigentliche
Blütezeit der ritterlichen Kultur, versagen die Denk¬
mäler fast völlig. Und doch stand gerade in dieser
Zeit die Liebhaberei für bunte figürliche Ausmalung
der Schlösser innen und aussen auf ihrem Gipfel,
wie sich aus zahlreichen Nachrichten für das ganze
Gebiet der abendländischen französisch - ritterlichen
Kultur nach weisen lässt, von den Ufern der Themse
bis zur Etsch und zum Ebro.1) Nur einige dekorative
Graffiti, die bei der Restaurierung des Schlosses
Chillon wieder zum Vorschein gekommen sind, lassen
sich mit Sicherheit der Frühzeit des 13. Jahrhunderts
zuweisen, wie mir Herr Professor Rahn-Zürich freund-
lichst mitteilte. Und möglicherweise sind auch die
Fresken in der Loggia de' Cavalieri za Treviso, jenem
merkwürdigen Denkmal nordisch-ritterlicher Kultur an
der Grenze des Südens, das Julius von Schlosser
kürzlich veröffentlicht hat2 3), nicht dem Anfang des
14. Jahrhunderts zuzuweisen8), sondern, wie ich aus
stilistischen Gründen vermuten möchte, noch der Spät¬
zeit des 1 3. Jahrhunderts. Aber damit ist auch schon
erschöpft, was sich aus der Zeit vor dem 14. Jahr¬
hundert an Profanmalereien erhalten hat.
Unter solchen Umständen darf die nachstehende
vollständige und farbige Wiedergabe eines aus dieser
Zeit stammenden und bisher nur teilweise veröffent¬
lichten Bilderkreises wohl auf ein besonderes'Jnteresse
rechnen. Es ist das erste grössere und gut erhaltene
Denkmal mittelalterlicher Profanmalerei, das sich mit
Gewissheit dem 13. Jahrhundert und mit grösster Wahr¬
scheinlichkeit sogar der ersten Hälfte desselben zu¬
weisen lässt.
1) Die Belegstellen aus den zeitgenössischen deutschen
und französischen Dichtern zusammengestellt bei Alwin
Schultz , Höfisches Leben zur Zeit der Minnesinger I2,
S. 61, Anm. 1, S. 74 f. u. 105. Vgl. auch llgf Beiträge zur
Geschichte der Kunst und der Kunsttechnik aus mittel¬
hochdeutschen Dichtungen. Bd. V der N. F. der Quellen¬
schriften zur Kunstgesch. 1896, S. 17, 76, 119, 123, 126,
155. An urkundlichen Nachrichten ist die Zusammen¬
stellung bei J. v. Schlosser, allerh. Jahrb. XVI u. XIX
a. a. O., zur Zeit die vollständigste. Doch lässt sich deren
Zahl noch wesentlich vermehren.
2) Allerhöchstes Jahrbuch XIX (1895), S. 240 f.
3) Schlosser: »um 1313«.
II.
DER HESSENHOF ZU SCHMALKALDEN UND
SEINE WANDGEMÄLDE.
In der historisch denkwürdigen, von den Bahnen
des grossen Verkehres etwas abgelegenen fränkisch¬
thüringischen Bergstadt Schmalkalden befindet sich
ein alter Herrenhof, ohne Zusammenhang mit dem
viel späteren grossen Schlosse der hessischen Landes¬
herren auf dem Berge, mitten in der Stadt neben
einem Kloster. Einst war dies feste Haus der Mittel¬
punkt des neuen Stadtteiles, der sich von etwa 1200
an jenseits des trennenden Grabens vor den Mauern
der Altstadt zu bilden begann *), und diente wohl
dem landgräflich thüringischen Verwalter als Wohn¬
sitz. Später, vom 14. Jahrhundert ab, nachdem die
Herrschaft Schmalkalden an die Landgrafen von Hessen
gefallen war, diente das Gebäude als Amtshaus für
den landgräflich hessischen Verwalter; im 16. Jahrhundert
schliesslich, nach mancherlei An- und Umbauten, war
es zeitweiliger Wohnsitz der aus Rochlitz vertriebenen
Schwester des Landgrafen Philipp des Grossmütigen
von Hessen. Der Name Hessenhof ist an dem alter¬
tümlichen Bauwerk haften geblieben, auch nachdem
im Jahre 1 837 seine malerischen aus dem 1 6. Jahrhundert
stammenden Fach werk-Obergeschosse, wie die massiven
aus dem Mittelalter herrührenden beiden Untergeschosse
unter einem gleichmässigen nüchternen Verputz ver¬
schwunden, seine Zimmer für die Verwaltungsräume
eines Landratsamtes umgebaut worden sind (Abb. S. 77).
Jetzt erinnert im Äusseren nur die grosse Rund¬
säule an der Nordostecke des Hauses, die einst wohl
einen Erker trug, und die kolossale Stärke der Mauern
an das hohe Alter des Bauwerkes. Der »Neumarkt¬
platz« vor dem Hause und die umliegenden Strassen
haben sich im Laufe der Jahrhunderte so erhöht, dass
das ehemalige Erdgeschoss schon längst zu einem
Kellergeschoss hinabgesunken ist, als welches es wohl
schon seit dem grossen Umbau für die Schwester
Philipps vom Jahre 1551 benutzt worden ist. Der
massive erste Oberstock, das jetzige Hochparterre, ist
zu sehr im Laufe der Jahrhunderte verändert worden,
um noch nähere Aufschlüsse geben zu können. Jene
tonnenüberwölbten Räume des Erdgeschosses aber
verdanken der Versenkung in die Erde ihren fast un¬
versehrten Bestand, und ihrer Entweihung zum Kohlen¬
keller die Erhaltung der alten Bemalung in dem
einen dieser Räume. Denn augenscheinlich hat die
dichte Schicht von Kohlenstaub und Schmutz ganz
wesentlich zu der glücklichen Erhaltung der alten
Bemalung beigetragen. In den beiden anderen in
Betracht kommenden Räumen ist der alte Verputz
längst abgefallen oder abgeschlagen , so dass auf
etwaige Reste von Bemalung hier gar nicht mehr zu
hoffen ist. Dass sie einst auch bunt bemalt waren,
kann mit grösster Wahrscheinlichkeit geschlossen
*) Vgl. für diesen Abschnitt die ausführliche geschicht¬
liche Darlegung bei Gerlandy Die spätromanischen Wand¬
malereien im Hessenhofe zu Schmalkalden. Leipzig, See¬
mann 1896, S. 8f.
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4
DIE IWEINBILDER AUS DEM 13. JAHRH. IM HESSENHOFE ZU SCHMALKALDEN
werden. Doch blieben alle meine Nachforschungen
ohne anderes als negatives Ergebnis.
Um so erfreulicher ist es, dass die Bemalung
jenes einen Raumes einigermassen vollständig und in
verhältnismässig guter Erhaltung bis auf uns gekommen
ist, so dass dieses älteste bis jetzt bekannte Denkmal
profaner Wandmalerei des deutschen Mittelalters uns
ausreichenden Aufschluss auch in künstlerischer Hin¬
sicht zu geben vermag.
Kunde von seinem Dasein besass man schon
längere Zeit In der 1862 erschienenen »Kunsttopo¬
graphie Deutschlands« thut Lotz seiner Erwähnung
mit den Worten: »Im Keller am Tonnengewölbe
Reste von roher figürlicher Malerei.«
Ein gesteigertes Interesse dafür erwachte aber erst,
als Geh. Baurat //os^-Hannover in einem längeren
Artikel im 6. Jahrgange von Schnütgen's Zeitschrift
für christliche Kunst (1893) auf diese Malereien auf¬
merksam machte, wobei er irrtümlicherweise die Dar¬
stellungen als Scenen aus dem Leben der heiligen
Elisabeth in Anspruch nahm. Senator Dr. Otto Oerland -
Hildesheim veröffentlichte sie darauf im Jahre 1896
mit Unterstützung des kgl. preuss. Ministeriums in
einem besonderen Bande auf sieben Lichtdrucktafeln.1)
In dem Begleittexte wies Gerland überzeugend nach,
dass es sich hier um eine profane Darstellung handle,
um eine Bilderfolge zu Hartmann von Aue’s Artus¬
roman »Iwein mit dem Löwen«. Und ebenso traf
er das Richtige, indem er die Entstehung des Denk¬
males der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts zuwies
1) Vgl. oben Anmerkung 1. Vgl. über diese Publikation
meine Aufsätze in der Beilage zur Münchener Allgemeinen
Zeitung 1898, No. 16 u. 269.
(wenn wir auch weiterhin der Begrenzung durch die
Jahre 1204 — 1215 nicht ganz werden folgen können).
Damit war dem Bilderkreise mit einem Schlage eine
ganz hervorragende Stellung für die deutsche Kunst-
und Litteraturgeschichte gesichert.
Wenn nun auf beifolgenden Tafeln der Bilder¬
kreis vollständig veröffentlicht und in dem Begleit¬
texte kunstgeschichtlich von verschiedenen Seiten be¬
leuchtet wird, so geschieht dies, weil der Schmalkalder
Bilderkreis wichtig genug ist für die verschiedensten
Gebiete der historischen Forschung, um in allen seinen
Teilen und in möglichst vollkommener Wiedergabe
der Wissenschaft zugänglich gemacht zu werden.
Die von Gerland veröffentlichten retouchierten Blitz¬
lichtaufnahmen mussten seiner Zeit in dem noch
völlig dunklen Keller gemacht werden. Seither ist
der Raum, wohl infolge der von Gerland ausgegange¬
nen Anregung, durch Öffnung der vermauerten Fenster
wieder tageshell erleuchtet worden. Bei diesem hellen
Lichte gelang es mir festzustellen, dass unter der
dichten Schicht von Kohlenstaub, Moder und stellen¬
weise noch haftender Tünche weit mehr erhalten sei,
als damals bei den photographischen Blitzlichtauf¬
nahmen von 1896 zu erkennen gewesen ist Nach
sorgfältiger Entfernung der Schmutzkruste ergab sich
als sehr erfreuliches Resultat, dass nicht nur eine ganze
Reihe von Scenen in alter Farbenpracht dem Beschauer
wieder entgegenleuchtete, sondern dass der Umfang
des Bilderkreises fast um das Doppelte gewachsen
war und nunmehr ein künstlerischer Gesamteindruck
der ehemaligen Dekoration des ganzen Raumes ge¬
wonnen werden konnte.
Mit Herrn Senator Dr. Gerland fand ich mich in
dem Wunsche, den so erfreulich vervollständigten
Bilderkreis in einer um¬
fassenden und womög¬
lich farbigen Wieder¬
gabe in gleichmässigen
Grössenverhältnissen
der wissenschaftlichen
Forschung zugänglich
zu machen. Da Herr
Dr. Gerland in der
liebenswürdigsten
Weise mir die Neu-
Bearbeitung dieser Auf¬
gabe zuschob, so ent¬
sprach ich gern der
Anregung des Ver¬
legers der ersten Publi¬
kation, den Bilderkreis
auf farbigen Tafeln in
diesen Blättern zu ver¬
öffentlichen. Eine Son¬
der- Ausgabe hiervon
wird für den Buchhan¬
del hergestellt werden.
Da photographische
Aufnahmen die stö¬
rende Verzerrung der
^ JY Gestalten, wie sie sich
Grundriss :
vom Souterrain des Krfisanvfrs und ^omdwer^erschuljebaudes tu.
Sch mal kalde n
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Abb. 2. Ansicht des Hessenhofes in Schmalkalden.
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DIE IWEINB1LDER AUS DEM 13. JAHRH. IM HESSENHOFE ZU SCHMALKALDEN
auf der gewölbten Fläche notwendig ergeben musste,
nicht vermeiden konnten, so wurden alle Umrisse ge¬
paust, die Pausen auf Karton übertragen und alle
Farbreste aufs Sorgfältigste eingezeichnet. Als Leiter
dieser Arbeiten kann ich für die absolute wissenschaft¬
liche Zuverlässigkeit der Kopien die Verantwortung
übernehmen. Die Reproduktion der Originalkopien
für unsere Tafeln wurde auf autotypischem Wege
hergestellt. ’)
Durchwandern wir zunächst kurz den neben¬
stehenden Grundriss (Abb. 4), der uns das heutige
Kellergeschoss, das ehemalige Erdgeschoss des ältesten
Bauteiles des Hessenhofes vergegenwärtigt Man be¬
trat das Erdgeschoss ehemals durch die Hausthüre D
unmittelbarneben dem schon früher erwähnten runden
Eckpfeiler an der Nordostecke des Hauses, und ge¬
langte zunächst in einen langgestreckten Flur (B), der
von Norden her durch einen schmalen Fensterschlitz
sein Licht erhielt. In der Südwand sind zwei kleine
rechteckige Nischen erhalten, vielleicht zur Aufstellung
künstlicher Beleuchtung. Geradeaus leitet eine Rund¬
thür (K) in das grosse Gemach C, das heute durch
eine später eingezogene Zwischenwand halbiert ist.
Nach Norden weist es zwei schmale Fenster auf.
Vor dem einen steigt eine steinerne Spindeltreppe
empor, die ehemals die Verbindung mit dem Ober¬
stock herstellte. Durch ein Rundbögenportal (H)
tritt man von hier in das Eckzimmer A, eben den
Raum, der durch seine Bemalung eine so unerwartete
Berühmtheit erlangt hat.
Dieser Raum, der, wie der Hausflur B und das
grosse Gemach C, mit einem flachen Tonnengewölbe
überspannt ist, stellt sich dar als ein ganz unregel¬
mässiges Viereck von etwas über 4 m Länge und etwas
unter 4 m Breite. (Die genaueren Masse sind auf dem
Grundrisse eingezeichnet.)
Sein Licht empfängt dieses kleine Gemach von
Osten her durch ein breites Rundbogenfenster E, das
zur Zeit wieder geöffnet ist und ausreichendes Tages¬
licht einströmen lässt, und durch einen schmalen,
erst in späterer Zeit durchgebrochenen Lichtschaclit F.
An der Südseite bei G vertieft sich die Wand in einer
grossen, sorgfältig mit behauenen Quadern eingefassten
Nische. Jetzt ist an dieser Stelle der Zugang zu dem
Raume vom Hausflur des Landratsamtes her einge¬
brochen. Auf sechs Stufen steigt man herab. Da
sich hier der beste Gesamtüberblick über die Be¬
malung des ganzen Raumes bietet, so ist unsere
Innen-Ansicht (Abb. 3) von diesen Stufen aus auf¬
genommen.
Uns gerade gegenüber haben wir da an der Nord¬
wand des Zimmers das Hauptbild des ganzen Cyklus,
die rundbogig abgeschlossene Darstellung eines Mahles.
Unterhalb dieses Bildes geleitet eine flachbogig geschlos¬
sene Thür in den Hausflur. Ausserdem sind noch zwei
1) Die Originalkopien, zu deren Herstellung der schmal-
kaldische Kreistag in dankenswerter Weise einen Zuschuss
verwilligte, werden auf der Wilhelmsburg zu Schmalkalden
im Museum des Hennebergischen Geschichtsvereins ihre
Aufstellung erhalten.
kleine Nischen in der Mauerstärke der Nord wand
ausgespart, die einst wohl zu Wandschränken einge¬
richtet waren. Zur Linken vom haben wir die Thür
zum Hauptgemach, zur Rechten das Fenster. Für
den gegenwärtigen Eindruck der Grössen- und Höhen¬
verhältnisse und für die künstlerische Wirkung der
Decoration ist zu beachten, dass der Fussboden zur
Zeit wesentlich höher liegt als ehedem, so dass das
Gemach einen viel gedrückteren Eindruck macht, als
dem ursprünglichen Zustande entspricht Wir dürfen
getrost einen halben Meter nach unten in Gedanken
hinzusetzen, denn gegenwärtig muss man sich bücken,
um durch die Thüren I und H gehen zu können. Die
Scheitelhöhe des Gewölbes beträgt am Nordende, ober¬
halb des Mahles, zur Zeit nur noch 3,20 m, an der
Südseite, bei den Stufen, von wo unsere Innenansicht
aufgenommen ist, sogar nur noch 2,80 m, da sich
das ganze Gewölbe im Laufe der Zeiten nach dieser
Seite hin gesenkt hat.
Leider lässt der Zustand des Gewölbes überhaupt
für die Zukunft unserer Bilder nicht viel Gutes erhoffen.
Die Sprengung ist aus lauter kleinen schmalen Steinen
hergestellt, die an verschiedenen Stellen recht locker
sitzen, und nun, statt dem Malgrunde als Haftfläche
zu dienen, denselben durchzudrücken beginnen. Es
sind zwar alle gelockerten Teile sorgfältigst in neuen
Mörtel gebettet worden. Doch da der über diesem Ge¬
wölbe befindliche Raum als Expeditionszimmer des
Landratsamtes benutzt wird, so ist das Gewölbe fort¬
währenden Erschütterungen ausgesetzt, die mit der
Zeit wahrscheinlich die Zerstörung wenigstens der
mittleren Bildstreifen am Gewölbe herbeiführen werden.
Da ist es gut, dass durch die oben erwähnten far¬
bigen Nachzeichnungen in Originalgrösse der ganze
Bilderkreis wenigstens in Nachbildung für die Folge¬
zeit gesichert ist.
111.
BESCHREIBUNG UND ERKLÄRUNG DER
WANDGEMÄLDE.
Das eben geschilderte Gemach war mit Malereien
ausgeziert, teils figürlicher teils ornamentaler Art, und
zwar lediglich in den beiden Farben Rotbraun und
Gelb auf weissem Grunde. Leider ist von dem künst¬
lerischen Schmucke einigermassen vollständig nur
das erhalten geblieben, was sich an der gewölbten
Decke und dem oberen Teile der Wände befand,^
wohin die Zerstörungen der Jahrhunderte nicht sor
leicht dringen konnten. Da sehen wir zunächst an
der Nordwand, die ganze Breite des Bogenfeldes aus¬
füllend, umrahmt von einer breiten Ornamentborte,
die Darstellung einer tafelnden ritterlichen Gesellschaft.
Auf dieses Hauptbild zu laufen über die ganze Länge
des Tonnengewölbes hin fünf parallele Bildstreifen, die j
durch 4 cm breite Trennungsborten geschieden sind.
An diese fünf Bildstreifen schloss sich nach unten bei¬
derseits noch je einer an. Doch ist von diesen der an
der Ostwand befindliche bis zur Unkenntlichkeit zer-
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DIE IWEINBILDER AUS DEM 13. JAHRH. IM HESSENHOFE ZU SCHMALKALDEN
stört, der an der Westwand
sehr mangelhaft erhalten.
Welcher Art die Deko¬
ration der Wand unter¬
halb dieser Streifen war,
lässt sich jetzt gar nicht
mehr feststellen. Jeden¬
falls wird man jenen un¬
teren Teil der Wände nicht
ganz unverziert gelassen
haben, da der ganze Raum
augenscheinlich auf eine
künstlerische Oesamt¬
dekoration hin gestimmt
war. Undeutliche Reste
ornamentaler Bemalung
leuchten noch ein wenig
hervor neben der Nischen¬
umrahmung der Südwand.
Auch das Innere der Fen¬
sternische an der Ostwand
war sicher einst bemalt,
damit die breite Fläche
der über 1 m starken Mauerwand künstlerisch belebt
sei. Das Gleiche dürfen wir von den breiten Thür¬
wandungen der Nord- und Westwand voraussetzen.
Hiervon ist uns wenigstens ein kleiner Rest erhalten
geblieben, nämlich der obere Teil der Gestalt eines
Mannes, der jeden Eintretenden in der Thüre, die vom
Hausflure hereinführt, mit erhobenem Becher will¬
kommen heisst. Dieser originelle Gedanke lässt es uns
doppelt bedauern, dass von der sonstigen Verzierung
der Thür und Fenstergewände nichts mehr fest¬
zustellen war.
Den Inhalt der erhaltenen figürlichen Darstellungen
bildet die Romandichtung „I\ vein, der Ritter mit dem
Löwen“, vielleicht nach der deutschen Fassung des
Hartmann von Aue, möglicherweise aber nach der
französischen des Chrestien de Troyes oder nach einer
der Vorlagen Chrestien’s. (Vgl. darüber weiter unten.)
Ich citiere nach der deutschen Fassung Hartmann’s,
Ausgabe von Benecke- Lachmann.
Der nach Chrestien de Troyes von Hartmann von
Aue deutsch bearbeitete Roman »Iwein«, dessen Voll¬
endung man ins Jahr 1204 setzt, beginnt mit der
Schilderung eines Pfingstfestes am Hofe des König
Artus. Nach Tisch ziehen sich Artus und seine Gemah¬
lin ermüdet in die Kemenate zurück. Nebenan
lassen sich die Ritter Iwein und Gawein, Dodines,
Segremors und Key von Kalogreant die Abenteuer
erzählen, die dann die Veranlassung zu Iwein’s Aus¬
ritt und dem ganzen sich daran knüpfenden Roman
werden sollten. Mit der Schilderung dieser Scene
(Vers 77 — 90) beginnt. auch die bildliche Erzählung
in Schmalkalden, und zwar am linken (südlichen)
Ende des ersten Bildstreifens, unmittelbar neben der
jetzigen Eingangsthür vom Hausflur her. (Tafel I,
Streifen 1, Scene 1.) Leider ist sie sehr trümmerhaft
erhalten. Ausser den Umrissen der Bettstatt, auf
welcher Artus und seine Gemahlin ruhen, bedeckt
von einem zierlich gemusterten Teppiche, können wir
nur das Diadem der Königin erkennen, die allgemeinen
Andeutungen des Schlafgemaches und des daneben
befindlichen Raumes, in welchem sich die Ritter be¬
finden. *)
Von diesem Prolog aus springt dann die bild- f
liehe Erzählung jenseits der Thür gleich über zur
Schilderung der Irrfahrten Iwein’s. Wir sehen auf
Scene 2 Herrn Iwein auf Abenteuer ausreitep. So¬
eben hat er die Burg verlassen, auf welcher seiner
Zeit Kalogreant und jetzt er Aufnahme gefunden
hatte. (V. 280 f.) Sie ist durch einen runden Turm
angedeutet, von dem man allerdings nur noch den
obersten Teil zu erkennen vermag. Von Iwein sieht
man noch den Helm und die Schultern, den über
den Rücken gehangenen Schild, das emporgehaltene
Schwert und Teile des Rosses. Vor dem Ritter öffnen
sich »die Wälder und Gefilde« (V. 970), angedeutet
durch einen Baum, von dem wenigstens die fünf
obersten Blätter noch deutlich zu erkennen sind. -Un- '
mittelbar neben diesen Blättern nach rechts hin er¬
scheint wiederum der Kopf Iwein’s und sein aus¬
gestreckter Arm (Scene 3). Er begrüsst soeben den
Waldriesen (V. 980 f.), der mit einer mächtigen
Keule inmitten seiner wilden Tiere sitzt, genau wie
er vorher von Kalogreant (V. 398 f.) geschildert
worden war. 2) -
Hiermit endet der erste Bildstreifen. Ohne Zu- ^
sammenhang mit diesen Bildern taucht dann rechts
davon etwas tiefer an dem Gewände der Thüre zum
Hausflur hingewandt jene oben schon erwähnte Ge¬
stalt auf, die den Eintretenden mit erhobenem Becher
willkommen heisst Wir haben sie der Einfachheit
halber am rechten Ende des ersten Streifens mit an¬
gefügt, geben sie aber hier in Vergrösserung, da sie
dort zu undeutlich gekommen ist (Abb. 5.)»)
Die Erzählung der Iweindichtung setzt dann wieder
von links her auf dem zweiten Bildstreifen ein. Iwein
steht am Zauberbronnen (V. 989 — 993), den »die
schönste Linde schirmt« (vgl. V. 572). Seine Rot¬
schecke hat er hinter sich an einen merkwürdigen,
aus zwei Blättern bestehenden Baum gebunden.4) So¬
eben ist er im Begriff, das Wasser aus dem goldenen
Becken, welches an dicker Kette vom Baume herab¬
hängt (vgl. V. 586 f.), auf die Brunnenplatte zu giessen.
1) Der Abstand von hier bis zu der Thür ist etwas
grösser, als auf unserer Reproduktion und bietet Platz
genug für die Gestalten der fünf Ritter.
2) Nicht ausgeschlossen ist es, dass in Scene 2 und 3
die Abenteuer Kalogreant’s selber geschildert sein sollen,
die sich ja genau decken mit den späteren Erlebnissen
Iwein’s. Eine Entscheidung ist nicht mehr möglich, da
die Namensüberschriften auf dem Streifen nicht mehr vor¬
handen sind. Es kommt ja aber auch hierauf gar nichts
weiter an. Ausser allem Zweifel ist jedenfalls, dass von
Scene 4 an wir es stets mit Iwein zu thun haben.
3) Diese Gestalt konnte von Gerland nicht bemerkt
werden, da früher die Thüre zugemauert war.
4) Leider ist die Farbe des Rosses bei dem autotypischen
Verfahren nicht gut gekommen. Das Ross ist dunkelrotbraun
gefärbt mit grossen weissen und hellroten Flecken, also eine
Rotschecke, nicht Apfelschimmel, wie Gerland annahm.
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.T
/. König Artus und die Königin in der Kemenate.
2. Iwel
4. Iwein am Zauberbronnen. 5. Speerkampf mit Askalon.
DIE IWEINBILDER DES 13. JAHRHUNDERT
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’s Ausritt . 3. Iwein begegnet dem Riesen mit den wilden Tieren. Willekomm.
6. /wein y erfolgt Askalon in seine Burg. 7. Lunete reicht Iwein den Zauberring.
io. Lunete berät Laudine. 11. Iwein vor Laudine gebracht.
, IM HESSENHOFE ZU SCHMALKALDEN
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DIE I WEINBILDER AUS DEM 13. JAHRH. IM HESSENHOFE ZU SCHMALKALDEN
9
Andeutungen der fünf Edelsteine in der Mitte und
an den Ecken der Platte (V. 623 — 628) sind deutlich
zu erkennen. Von unten wird sie gestützt von ein¬
fachen romanischen Säulen.1)
Die zahlreichen Vögel, die in den Zweigen der
Linde singen:
si was mit vogelen bestreut
daz ich der este schtn verlos
und ouch des loubes lützel kos
(V. 612 — 614), sind ebenfalls vom Maler deutlich
zur Darstellung gebracht Ein Vogel sitzt noch oben
in den Zweigen, drei andere umflattern erschreckt
den Stamm des Baumes, als nun, nach dem Auf¬
giessen des Wassers auf den Stein des Zauberbronnens,
das heftige Getöse und Sturmesgebraus sich erhebt (V.
994), durch welches Askalon, der Herr des verzau¬
berten Waldes und des Zauberbronnens herbeige¬
zogen wird.
Mit ihm besteht nun Iwein den Speerkampf
(Scene 5, V. 1000 f.). Er hat seine Rotschecke wieder
bestiegen und sprengt mit kunstgerecht eingelegter
Lanze auf den durch einen Adlerschild als Herrn des
Landes kenntlich gemachten Feind los. Es scheint,
soweit die leider sehr beschädigte Darstellung noch
erkennen lässt, der Augenblick gewählt zu sein, in
welchem dem Askalon die Lanze zersplittert (V. 1016).
Der Reiter sinkt soeben etwas nach hinten über,
während sein Ross in den Hinterbeinen zusani men¬
knickt.
Jenseits des Bäumchens, das die Scene abgrenzt
zum Zeichen, dass der Vorgang im Freien, im Walde,
spielt, sehen wir den schwerverwundeten Askalon in
seine Burg flüchten, hart bedrängt von dem nach¬
eilenden Iwein, der soeben zu einem mächtigen Schlage
mit dem Schwerte ausholt (V. 1018 — 1074). Mühsam
deckt sich Askalon nach rückwärts mit dem nur noch
matt in der Auslage gehaltenen Schwerte. Den Schild
hat er, ebenso wie sein Gegner, am breiten Riemen
über den Rücken gehangen.
Das merkwürdige Bauwerk, auf welches Askalon
zusprengt, ist das verhängnisvolle Fallthor (V. 1079
bis 1101), das beim Einreiten Iwein’s herabsaust und
sein Ross mitten entzwei schneidet Auf der 7. Scene
sehen wir Iwein gefangen zwischen den beiden Thoren.
Sein Ross liegt zur Hälfte zu seinen Füssen, zur Hälfte
draussen vor dem Thore (nur in Punkten und einigen
schwachen Linien erkennbar). Da ward
ein türlin üf getan:
da sach er zuo im üz gän
eine riterliche magt
1) Hartmann und die französischen Quellen reden nur
von vier Edelsteinen, die in die Ecken der Platte einge¬
lassen sind. Auf Scene 15 ist aber bei der Wiederholung
des Brunnens deutlich ein fünfter in der Mitte zu erkennen.
Also wird derselbe auch bei Scene 4 nicht gefehlt haben.
Die Platte wird bei Hartmann gestützt von »vieren mar¬
melinen tieren«. Chrestien hat dies nicht. Da der Maler
hier statt der Tiere romanische Säulen gegeben hat, so
könnte man dies als einen ersten Anhalt dafür betrachten,
dass der Maler nicht die Hartmann’sche Fassung des Ro-
manes vor sich hatte.
(V. 1151 f.). Es ist die kluge Magd Lunete, deren
liebliches Antlitz zu erkennen uns leider bei der
schlechten Erhaltung der Scene versagt ist Nur ihr
langes Lockenhaar zeugt von ihrer Schönheit Ent¬
gegen der Schilderung bei Hartmann tritt sie nicht
aus einer Thüre hervor, sondern reicht aus einem
Fenster Herrn Iwein den Zauberring dar. Dieser
Ring besass die beneidenswerte Eigenschaft, seinen
Träger unsichtbar zu machen (V. 1202 f.); für Herrn
Iwein ein sehr günstiger Fall. Denn nun stürmen
(V. 1257 f.) die Mannen Askalon’s in den Raum
zwischen den beiden Thoren herein, in welchem
Iwein eingesperrt sitzt, um ihren erschlagenen Herrn
zu rächen. So sehr sie aber auch umhersuchen und
mit ihren Schwertern in alle Winkel stechen, sie
finden den durch den Ring geschützten Ritter nicht.
Der Maler hat diese Episode, die sich gleich darauf
(V. 1370 — 1380) in genau derselben Weise beim j
Dichter wiederholt, in eine Darstellung zusammen- ^
gezogen (Scene 9), und vorher die Klage Laudinens
um den Tod Askalon’s eingeschoben, die ja die !
Veranlassung zu dem erneuten Suchen der Mannen jj
war. Wir wollen also zunächst Scene 8 betrachten. '
Vers 1305:
er sach zuo im gebäret tragen
den wirt den er hete erslagen.
und nach der bare gienc ein wip,
daz er nie wibes lip
also schoenen gesach.
von jämer si üz brach
ir har und diu cleider.
Vers 1321:
ez erzeicten ir gebaerde
ir herzen beswaerde
an dem Iibe und an der stimme.
von ir jämers grimme
so viel si dicke in unmaht.
Man muss gestehen, dass der Maler diese Schilderung
mit einfachen Mitteln und doch sehr anschaulich ins ^
Bild zu übertragen gewusst hat Askalon liegt in
voller Rüstung, mit einem Waffenrock darüber ange-
than, auf dem Totenbett Laudine, die Witwe, ringt
verzweifelt die Hände. Ihr Gesicht, eines der am
feinsten ausgeführten des ganzen Cyklus, dessen Lieb¬
lichkeit leider auf der Reproduktion nicht zur Er¬
scheinung gekommen ist, verrät tiefsten Seelenschmerz.
Auch die mangelhaft erhaltenen Gesichter ihrer drei
Begleiterinnen zeigen lebhafte Anteilnahme.
Da die Wunden des Toten, als er nun in die
Nähe Iwein’s gebracht worden ist, aufs neue zu bluten
beginnen, so spornt dieses Kennzeichen für die Nähe
des Mörders die Knappen aufs neue an, nochmals ^
in allen Winkeln nach dem fremden Ritter zu suchen. "
(V. 1370 f.).
Nicht ohne Humor hat der Maler dies vergebliche
Suchen dargestellt Der Beschauer der Bilder kann
nämlich den unsichtbaren Iwein sehen. Er steht ganz
rechts in der Scene mit geschlossenem Visier, den
Schild umgehangen, das Schwert ruhig an die Schulter
gelehnt, augenscheinlich ganz versunken in die Be-
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DIE I WEINBILDER AUS DEM 13. JAHRH. IM HESSENHOFE ZU SCHMALKALDEN
trachtung des Zauberringes, den er in der Linken
emporhält. Die Knappen aber sehen ihn nicht,
si giengen slahende umbe sich
Mit swerten sam die blinden,
solden si in immer vinden.
Dabei halten sie, vor der unsichtbaren Gefahr sich
fürchtend, die Schilde vorsichtig empor und stechen
mit den Schwertern ins Leere. Herr Iwein muss sich
oftmals schmiegen, denn:
in winkeln, under benken,
suochten sin mitten swerten
wände si sins tödes gerten.
(V. 1374 — 77). Von dem Bette freilich, auf welches der
Dichter den Helden sich niedersetzen lässt, ist nichts zu
sehen. Dadurch wäre die Scene zu umfangreich und ver¬
mutlich weniger deutlich geworden. So wie sie wiederge¬
geben ist, erscheint sie jedenfalls als ein interessantes
Zeugnis für die Selbständigkeit, mit welcher der
Maler den dichterischen Stoff für seine Beschauer
zurechtlegt.
Nebenbei sei noch bemerkt, dass auf dieser Scene
die Teile des halbierten Rosses zu Iwein’s Füssen
deutlicher zu erkennen sind als auf Scene 7.
Auf dem 10. Bilde kniet Lunete vor ihrer Herrin
Laudine und rät ihr mit eindringlicher Gebärde, den
fremden Ritter zum Manne zu nehmen, da er ja doch
ein untadeliger Held sei und sie ohne männlichen
Schutz ihr Land und den Zauberwald nicht werde
halten können (V. 1788 — 1992). Laudine, deren
Gesichtszüge hier leider verwischt sind, legt, wohl
zur Beteuerung der Aufrichtigkeit ihres Schmerzes, die
Hand aufs Herz.
Auf der folgenden Scene (11) steht Iwein bereits
vor Laudine (V. 2245 f.) mit züchtig vor dem Leibe
übereinandergelegten Händen, wie es die höfische
Sitte bei der Begegnung mit einer hohen Herrin vor¬
schreibt Laudine, die wieder auf dem Polstersitze
thront, auf welchem sie schon bei der vorigen Scene
Lunetens Rat entgegennahm , scheint soeben zu dem
Ritter zu sprechen. Lunete steht links vom Beschauer
hinter Iwein.
Damit schliesst der dritte Bildstreifen. Der vierte,
der etwas über die Scheitelhöhe des Gewölbes hinaus¬
reicht, schildert den Höhepunkt der Dichtung, den
der Maler mit besonderem Nachdruck in drei grossen
breiten Bildern ausgesponnen hat, während er in der
Dichtung nur sechzig Verse umfasst: Die Erklärung
der Verlobung, das Ehegelöbnis und das Beilager,
woran sich dann unmittelbar das grosse Hauptbild
des Gemaches, das Trinkgelage auf dem Bogenfelde,
räumlich und inhaltlich anschliesst (V. 2371 — 2433).
Das erste dieser vier Höhepunktsbilder, Scene 12,
zeigt uns Laudine in lebhafter Beredung mit ihren
Ratgebern. Links steht Lunete, rechts wohl Iwein,
den sie soeben den versammelten Edlen des Landes
als ihren künftigen Gemahl vorstellt. Diese, von der
Schönheit des Ritters hingerissen, sind des wohl zu¬
frieden (V. 2413 — 2415), und so kann denn das feier¬
liche Eheversprechen vor sich gehen. Es ist ein
höchst charakteristischer Zug der Zeit, dass der Künst¬
ler vor diesem feierlichen Akte die Herrin Laudine
grosse Toilette machen lässt, was der Dichter zu be¬
richten vergessen hat Denn als sie nun auf Scene 1 3
Herrn Iwein gerührt in die Arme sinkt, hat sie das
häusliche Gewand, das sie auf Scene 10 bis 12 trug,
vertauscht mit einem purpurnen Prachtgewand, das
durch breite goldgestickte Borten verziert ist, die im
Original viel feiner und kunstvoller wirken, als auf
unserer Reproduktion. Unter den Zeugen des genau
im Mittelpunkte des ganzen Bildercyklus befindlichen
Vorganges ist deutlich der »Pfaff« zu erkennen,
(V. 2418), der zum Glück gerade zur Hand ist, um
das Paar einzusegnen. Er steht in weissem Gewände
mit niedergeschlagenen Augen und gekreuzten Hän¬
den neben Laudine. Ein feingestickter Mantel ganz
rechts in der Scene zeigt deutlich, dass auch die
Edlen des Landes sich zu der feierlichen Handlung
in ihr Staatskleid geworfen haben.
Die nächste Scene (No. 14) ist leider sehr zerstört. /
Doch vermag man noch deutlich Laudine und Iwein
in einem, wie es scheint gewölbten, Gemache beim
Beilager zu erkennen (2431 — 32).
Die stattlichen Festlichkeiten, die anlässlich der
Hochzeit gefeiert werden und deren Schilderung den
Beginn des nächsten Gesanges ausmacht, haben dem
Maler Veranlassung zu dem Hauptbilde gegeben, das
uns eine höfische Gesellschaft bei den Freuden der
Tafel zeigt (Taf. III).
In der Mitte der Tafel thront Laudine. Sie trinkt
soeben ihrem zur Rechten sitzenden jungen Gemahle
Iwein aus einem schöngeformten Pokale zu. Herr
Iwein trägt zur Feier des Tages eine hohe einfache
Krone. Er bedankt sich für das Zutrinken, indem er
die linke Hand zierlich gegen die Brust legt Rechts
von ihm, also links vom Beschauer, trinken zwei Edle
sich zu; links neben Laudine sitzt Lunete in festlicher
Gewandung und lauscht der lebhaften Unterhaltung
eines Herrn. Von beiden Seiten treten je zwei Tafel¬
diener mit hocherhobenen Doppelpokalen heran. Um
die auf der Tafel stehenden Speisen kümmert sich die
Trinkgesellschaft scheint’s gar nicht, das ganze Interesse
ist dem Becher zugewandt
Natürlich darf bei den Freuden der Tafel die
Musik nicht fehlen. Obwohl der Dichter deren keine
Erwähnung thut, hat der Maler sie mit herangezogen.
Denn für ihn und seine Zeit war das etwas Selbst¬
verständliches. Ganz rechts in der Ecke, hinter dem
Tafeldiener mit dem merkwürdig rot und weiss ge¬
streiften langen Gewände, taucht ein kleiner Pauken¬
schläger auf in einem noch sonderbareren Kleide, das
im Zickzack gelb und weiss gemustert ist, wohl das
Abzeichen fahrender Spielleute. Vor der Mitte der
Tafel, unterhalb Iwein’s, sind Reste eines winzigen
Fiedlers erkennbar und ganz am linken Ende der
Tafel das Köpfchen eines Flötenbläsers.
Dass diese Nebenpersonen viel kleiner gehalten
sind als die Hauptpersonen an der Tafel, war nicht
bloss Notbehelf des Künstlers, der im Raume beengt
war, sondern entspricht durchaus dem allgemein ver¬
breiteten künstlerischen Grundsätze jener Zeit, die
Bedeutung der dargestellten Personen schon durch
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DIE I WEINBILDER AUS DEM 13. JAHRH. IM HESSENHOFE ZU SCHMALKALDEN
ihre verschiedenen Grössenverhältnisse zum Ausdruck
zu bringen.
Als ein interessantes Gegenbild zu unserer Schmal-
kalder Darstellung gebe ich hier die eines Mahles im
Evangeliar auf dem Rathause zu Goslar, das etwa
gleichzeitig, nämlich um 1245, mit Bildern geschmückt
worden ist.1) Wir sehen da wieder die winzigen
Spielleute vor der Tafel, ganz rechts wieder den
Paukenschläger.
/ Die Erzählung geht nun wieder von der Süd-
^ Seite her weiter. (Tafel 11, 5. Streifen) König Artus
steht am Zauberbronnen und giesst eben das Wasser
auf den Stein (V. 2529). Es ist fast genau die Scene 4
im Gegensinne, nur dass das Ross hier ein Apfel¬
schimmel ist und an einen andersartigen Baum ange¬
bunden ist als drüben bei der ersten Darstellung des
* Zauberbronnens. Dieses Mal sind auch die Himmelser¬
scheinungen noch deutlich erkennbar, die das Begiessen
des Bronnens hervorzurufen pflegt Unmittelbar
vor Artus* Haupte sehen wir grosse Hagelkörner
herabsausen; weiterhin oberhalb des Speerkampfes
(Scene 16) hängen schwarze Gewitterwolken. Iwein
kommt als nunmehriger Schützer des Bronnens und
Waldes herangesprengt und sticht den boshaften Key
aus dem Sattel (V. 2551 — 2582).
Er zestach sin sper unz an die hant,
da mite wart ouch er gesant,
üz dem satele als ein sac,
daz em weste wä er lac.
Dies plumpe Fallen Key’s hat der Maler mit gutem
Humor wiedergegeben.
Es folgt nun die fröhliche Erkennung zwischen
Iwein und Artus und seinen Rittern. Man beschliesst
Iwein’s Einladung zu^ folgen. Wir sehen auf Scene 17
Iwein — durch die Überschrift wie durch den Adler¬
schild, den er jetzt als Herr des Landes zu führen
hat, als solcher gekennzeichnet — auf die Burg zureiten.
Neben seinem weissen Rosse sieht man ein rotbraunes
hertraben, das nur dasjenige Key’s sein kann, das er
soeben im Speerkampf erbeutet hat. (V. 2601 u. 2).
Ein Reiter ist nicht darauf erkennbar.
Auf der letzten Scene der Reihe wird die Be-
grüssung der Gäste auf Iwein’s Burg dargestellt ge¬
wesen sein (V. 2653 — 2682). Sie ist leider zum
grössten Teile abgebröckelt Was sich erkennen
lässt, passt aber zu dieser Deutung.
Es wird dem Beschauer aufgefallen sein, dass der
eben besprochene fünfte Bildstreifen allein in seiner
Schilderung von rechts nach links vorwärts schreitet,
während die anderen alle, auch der später folgende
sechste Streifen , von links nach rechts laufen. Es ist
wohl anzunehmen, dass hier ein Versehen des Malers
vorliegt, welcher sich nicht zur rechten Zeit klar machte,
dass er bei diesem Streifen sich jenseits der Scheitel¬
höhe des Gewölbes befand und also um der Ein¬
heitlichkeit der ganzen Dekoration willen nunmehr
von links nach rechts erzählen musste. Bei dem
1) Entnommen dem Aufsatze Dobbert’s im Jahrb. d.
kgl. pr. Kunstsammlungen 1898, S. 155.
1 1
folgenden Bildstreifen hat er das Versehen dann
wieder gut gemacht.
Der sechste Bildstreifen, der letzte der erhaltenen,
hat leider sehr gelitten und lässt nur noch drei von
seinen ursprünglich vier Scenen erkennen. Zunächst
links (Scene 19) die breite Schilderung eines Vor¬
ganges, der im Innern einer Burg spielt, denn beider¬
seits schliesst ein Rundturm die Darstellung ein. Es
Abb. 6. Miniatur aus dem Evangeliar auf
dem Rathause zu Goslar.
2*
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DIE IWEINBILDER AUS DEM 13. JAHRH. IM HESSENHOFE ZU SCHMALKALDEN
handelt sich um die Darstellung der schicksalsschweren
Wendung im Leben unseres Helden, nämlich um den
Abschied, den Artus und die anderen Gäste nach den
fröhlichen Festtagen auf Laudinen’s Burg von der
Herrin nehmen (V. 2956—2968). Bei diesem Abschied
lässt sich Iwein von seinem Freunde Gawein bereden,
Urlaub von seiner jungen Gemahlin zu begehren,
damit er sich nicht daheim »verliege«, — der Beginn
endloser Leiden für beide. Diesen entscheidenden
Wendepunkt des ganzen Romanes ausführlich dar¬
zustellen, musste dem Maler durchaus wesentlich er¬
scheinen. Leider ist gerade der Kernpunkt der dar¬
gestellten Handlung nicht mehr mit Sicherheit zu
erkennen. Die Gestalt Iwein’s ist völlig zerstört und
nur noch durch das W festzustellen, das sich von
der Überschrift seines Namens über dieser zerstörten
Gestalt auf der Trennungsborte erhalten hat. Der Mann
im reichgestickten Gewände links davon müsste dann
König Artus sein, daneben nach links hin Laudine
und hinter ihr, unmittelbar neben dem Turme, wohl
Luneten’s Lockenhaar. Am rechten Ende der Scene
gewahrt man drei von den Helden aus dem Gefolge
des Königs Artus.
Iwein zieht mit Artus und seinen Rittern von
, / dannen. Merkwürdigerweise hat nun der Maler eine
^ I ganze Reihe wichtiger Ereignisse aus dem Leben des
Helden nicht dargestellt, sondern beginnt seine Schilde¬
rungen mit Überspringung von 900 Versen der Dichtung
erst wieder mit Vers 3824, wie Iwein, nach langer
^ Nacht des Wahnsinns geheilt, im Kampfe gegen den
Grafen Aliers aufs neue als Held erprobt, von der
? 0 Herrin des fremden Landes Urlaub genommen hat
und aufs neue auf Abenteuer ausreitet (Scene 20).
Er gelangt in den dichten Wald — die Scene ist
beiderseits durch Bäume eingefasst — und kommt
hier zufällig zu dem erbitterten Kampfe zwischen
dem Löwen und dem Drachen. Nach kurzer Über¬
legung steht er dem Löwen gegen das Ungeheuer
bei und gewinnt ihn dadurch als treuen stetigen Freund
~ ^ und Begleiter. Auf Scene 21 sehen wir Iwein, in
' respektvoller Entfernung von dem Drachen, mit dem
Schwerte nach dessen Haupt schlagen, während der
Löwe das Untier von vom gepackt hat und soeben
seinen scharfen Zahn in dessen Brust einzubohren
in Begriff ist Der Drache hat sich zornig auf seinen
beiden starken Tatzen aufgerichtet und schlägt mit
den Flügeln.
J Mit diesem Ereignis, das unserem Helden den
, Beinamen »mit dem Löwen« verschafft .hat, brechen
nun leider die erhaltenen Malereien ab. Unmittelbar
hinter dem Drachen ist ein Lichtschacht durchgebrochen
worden, und was jenseits desselben bis zum Ende der
Wand gegen Süden hin an Farbresten noch zu erkennen
ist, reicht nicht aus, um ein Bild zu ergeben. Dass
sich aber hier noch eine Scene befand, steht ausser
Zweifel. Ebenso wird sich, wie wir mit Sicherheit
annehmen dürfen, noch ein siebenter Bildstreifen
darunter hingezogen haben, entsprechend dem Streifen
No. 1 an der gegenüberliegenden Vertikalwand, der
für etwa drei Scenen Platz bot. Also werden im
/ ganzen vier Scenen als verloren zu betrachten sein.
Das Auffallende ist nun, dass wir bei dem Drachen¬
kampfe erst bis V. 3864 des Hartmann’schen Romanes
vorgedrungen sind, während er im ganzen 8165 Verse
hat Also noch nicht einmal die Hälfte der Erzählung
ist erreicht, und doch stehen für die zweite grössere
Hälfte höchstens noch vier Scenen zur Verfügung.
Zusammengehalten mit der vorhin schon angemerkten 1
Thatsache, dass sich zwischen Scene 19 und 20 bereits
eine Lücke von fast 900 Versen befindet, scheint dies
doch zu der Annahme zu drängen, dass der Maler
weder den Hartmann’schen Roman noch die fran- ^
zösische Dichtung des Chrestien vor sich hatte, sondern ^ ^
eine der kürzeren dichterischen Fassungen des gleichen
Gegenstandes. Die keltische Erzählung »Die Dame
von der Quelle« (das sog. Mabinogi) ist viel kürzer
als die Hartmann'sche Dichtung und kennt die zahl¬
reichen Abenteuer Iwein’s nach dem Kampfe mit dem
Drachen fast gar nicht Manche halten dieses Mabinogi
für die ältere Fassung des Stoffes, manche für eine
Verkürzung der Dichtung Chrestien’s.1) Jedenfalls
reichen die vier noch vorhanden gewesenen Scenen
gerade aus, um das Wichtigste aus dem weiteren
Verlauf des Romanes in der keltischen Fassung zur
Anschauung zu bringen. Ich möchte meinen verehrten
philologischen Kollegen die Entscheidung dieser Frage
überlassen. 2)
IV.
DER ZWECK DES AUSGEMALTEN GEMACHES
IM HESSENHOFE.
Der Roman vom tapferen Ritter Iwein mit dem
Löwen war im 13. und 14. Jahrhundert in den ritter¬
lichen Kreisen Deutschlands sehr beliebt und weit
verbreitet. Die grosse Zahl erhaltener Abschriften aus
diesen Jahrhunderten beweist das. Dass ein Ministeriale
des thüringer Landgrafen in der ersten Hälfte des
13. Jahrhunderts, denn so werden wir weiterhin die
Entstehungszeit umgrenzen, sich diesen Stoff zur Aus¬
schmückung eines der Räume seines Edelsitzes wählte,
ist ein weiterer Beitrag für die Beliebtheit dieser
Dichtung. Ein Festsaal oder etwas ähnliches ist dieses
kleine schiefwinklige Gemach von kaum vier Meter
1) Vgl. Henrici, Iwein II, S. II— IV. Herrn Prof. Emil
Henrici sei für manchen freundlichen Wink bei dieser
Arbeit an dieser Stelle herzlich gedankt.
2) Da ich nachträglich von philologischer Seite auf
die Bedeutung der Namensüberschriften auf den Trennungs¬
borten aufmerksam gemacht worden bin, so trage ich hier
nach, was sich von solchen noch erkennen lässt. Ich habe
für diesen Zweck kürzlich nochmals die Originale ver¬
glichen und alles zusammengesucht, was sich mit einiger
Sicherheit erkennen liess. Die Ausbeute ist leider dürftig,
da diese Namensüberschriften mit einer leicht vergänglichen
schwarzen Farbe auf die Trennungsborten aufgemalt waren.
Über Scene 10 oberhalb der knieenden Lunete als einziger .
erkennbarer Rest ihres Namens ein V. Scene 17: IWAN.
Scene 16 über Iwein ein W. Scene 19 über der zerstörten
Gestalt Iwein's ebenfalls ein W. Scene 20: IWAN.
Scene 21 : WAN.
Die von Gerland (S. 27 seiner mehrfach genannten
Publikation) erwähnten Buchstaben VNA oberhalb Laudi-
nens auf Scene 12 konnte ich nicht mehr feststellen.
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DIE I WEINBILDER AUS DEM 13. JAHRH. IM HESSENHOFE ZU SCHMALKALDEN
13
im Geviert nicht gewesen. Es war nur ein Wohnraum.
Wenn dieses kleine Zimmer schon so reichlich mit
malerischer Zier versehen war, wie reich mögen da
erst die Haupträume des Hauses bemalt gewesen sein.
Ein Runkelstein des 1 3. Jahrhunderts mag uns bei den
Umbauten des alten Hessenhofes im Laufe der Jahr¬
hunderte verloren gegangen sein!
Die Bestimmung dieses kleinen Gemaches ist trotz
der Unvollständigkeit der erhaltenen malerischen Aus¬
zierung noch heute deutlich zu erkennen. Unter der
Thür zum Hausflur hin, durch welche man wohl in
der Regel dies Zimmer betrat, heisst uns ein junger
Mann mit erhobener Trinkschale willkommen. Un¬
zweideutig giebt er uns damit zu verstehen , was
unser in diesem Gemache harrt, welchem Zwecke
es geweiht war: es war eine Trinkstube . Wollten
wir noch daran zweifeln, so würde uns ein Blick auf
das Hauptbild jedes Bedenken benehmen müssen.
Denn aus dem ganzen Romane 1 weins hat der Maler
nicht irgend ein Abenteuer, eine Minnescene oder
eine Kampfdarstellung ansgewählt,* um damit das
grosse Bogenfeld der Nordwand zu füllen, sondern
eine Trinkscene. Wohl soll dies Bild in erster Linie
das Hochzeitsmahl auf Laudinens Burg darstellen;
aber um die Speisen auf dem Tische kümmern sich
die erlauchten Herrschaften gar nicht Laudine trinkt
Iwein zu aus einem für eine Dame recht stattlichem
Becher; links von diesem Paare trinkt aus noch statt¬
licherem Gemässe ein Ritter dem andern zu, und der
Eifer der Tafeldiener, die Herrschaften ja nicht Durst
leiden zu lassen, ist vom Maler mit bemerkenswerter
Energie zum Ausdruck gebracht. Nur Lunete am
rechten Ende der Tafel hat so eifrig auf die Dar¬
legungen ihres Tischherrn zu lauschen, dass zum
Trinken keine Zeit bleibt.
Da in dem kleinen Gemache höchstens zehn bis
zwölf Personen um einen Tisch herum Platz hatten,
so können hier grosse Festmahle nicht abgehalten
worden sein. Ich glaube, wir dürfen mit Bestimmt¬
heit annehmen, dass es in erster Linie als Kneip-
zimmerchen gedient hat, als höchst behagliche Trink¬
stube für den ritterlichen Bewohner des alten Hessen¬
hofes und seine Kumpane. Die abenteuerliche und
minnereiche Erzählung vom tapferen Ritter Iwein mit
dem Löwen mag dabei ganz anregend zur Belebung
der Unterhaltung beigetragen haben. Ob das Zimmer
heizbar war, lässt sich nicht mehr sicher feststellen.
Ich persönlich neige zu der Annahme, die grosse
Nische der Südwand möge einst eine Kaminanlage
aufgenommen haben; doch versichert Gerland, dass
die Abschlussmauer hinter dieser Nische die alte
massive Aussenmauer des Hauses sei. Ein Urteil
darüber konnte ich mir nicht nrehr bilden, da in¬
zwischen eine steinerne Treppe vor die Nische ge¬
setzt worden ist War hier tatsächlich kein Kamin,
sondern ein erhöhter Sitz für den Hausherrn oder,
wie Gerland vermutet, ein Gestell für Prunkgerät, so
wird also das Zimmer im wesentlichen nur in der
warmen Jahreszeit benutzt worden sein. Einst als die
alte Einrichtung sich noch mit der unversehrten Be¬
malung der Decke und Wände in den warmen leuch¬
tenden Farben Rotbraun und Gelb auf weissem Grunde
zu einem Ganzen verband, muss dies Gemach einen
äusserst traulichen Eindruck gemacht haben. Mit einiger
Phantasie kann der Besucher sich noch heute eine
Vorstellung davon machen, namentlich bei heller
Morgenbeleuchtung, wo die unverwüstlichen Farben
der alten Bemalung aufleuchten und die trümmerhafte
Erhaltung des Wandschmuckes etwas vergessen machen.
Es ist ein merkwürdiges Zusammentreffen, dass /
auch das nächstälteste Denkmal mittelalterlicher Pro¬
fanmalerei auf deutschem Sprachgebiete, nämlich die 1
Bemalung im Haus zur Zinne zu Diessenhofen in der
Schweiz (Anfang des 14. Jahrhunderts), wieder zu einer
ritterlichen Trinkstube gehört1). Und auch dort hat die
Dichtung den Stoff zum künstlerischen Schmucke her¬
gegeben, freilich nicht die epische Romandichtung,
wie die vom Ritter Iwein in Schmalkalden, sondern
Neidhart’s groteske Schwankdichtung vom »Veilchen«.
Dazu finden wir in Diessenhofen Jagdscenen, Scheiben¬
werfen, Reineke Fuchs, Sinnbilder für Wein, Weib und
Gesang, zum Teil in sehr derber Fassung, die Erstür¬
mung der Minneburg und als oberen Abschluss über
das Ganze hin einen Wappenfries. Die Hinweisungen
auf das Trinken überwiegen durchaus, so dass der
Charakter des Raumes auch dort aufs unzweideutigste
zum Ausdruck gebracht ist. Aber es ist die schon in /
Zersetzung begriffene und ins Gemeine umschlagende
ritterliche Kultur des 14. Jahrhunderts, die uns in der j
Schweizer Trinkstube entgegentritt, während wir in l
Schmalkalden deutlich den getragenen Charakter einer
episch-gross empfindenden Zeit verspüren. Wohl ist I
auch hier die Bestimmung des Gemaches als Trinkstube
mit Deutlichkeit zum Ausdruck gebracht und neben dem
Weine ist das Weib, sind die Darstellungen der am Ziel
befindlichen Minne, gewiss nicht ohne Absicht, mit
einer gewissen Breite erzählt (Scene 1 und 14), aber
durchaus nur im Zusammenhänge der ganzen Dichtung.
Und dieser Zusammenhang wird gebildet durch eine
der Lieblingsdichtungen der ritterlichen Kreise in
ihrer Blütezeit, durch die von Hartmann von Aue
ins Deutsche übertragene, so oft abgeschriebene
und weit verbreitete Romandichtung vom tapferen
Ritter Iwein mit dem Löwen. Schon durch diese
Wahl des Gegenstandes zeichnet sich der Schmal-
kalder Bildschmuck ab als das künstlerische Produkt
einer wesentlich anderen, innerlich vornehmeren
Epoche, als sie uns in der Diessenhofer Trinkstube
aus dem Anfänge des 1 4. Jahrhunderts entgegentritt.
Ein zeitlicher Abstand von nicht zu geringer Aus¬
dehnung trennt schon aus inneren Gründen diese beiden
sonst so nahe verwandten ältesten Denkmäler mittel¬
alterlicher Profanmalerei auf deutschem Sprachgebiet.
V.
TECHNISCHES.
Die Wandgemälde im Hessenhofe zu Schmal¬
kalden sind aufgemalt auf eine mässig starke, frei-
1) Vgl. die oben schon einmal erwähnte Veröffent¬
lichung von Dürrer u. Wegeli, Mitt. d. antiquar. Oesellsch.
XXIV, 6, 189g.
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14 DIE I WEINBILDER AUS DEM 13. JAHRH.
händig mit der Kelle abgezogene Putzschicht, die
dadurch an der gewölbten Fläche zu haften ver¬
mag, dass man die Mauersteine mit ziemlich gros¬
sen Zwischenräumen aneinandergefügt hat, sodass
der Verputz in tiefen Zungen sich zwischen ihnen
festsetzen konnte. Ausserdem ist das Mauerwerk
sehr uneben, einzelne Steine treten mit Zacken
und Ecken oft mehrere Centimeter weit vor und
bieten dadurch besondere Stützpunkte für das Haften
des Verputzes. Solche Unebenheiten sind aber nicht
etwa durch sorgfältiges Aufhöhen des Malgrundes
ausgeglichen, sondern die ganze Malschicht macht
diese Unebenheiten mit Sie gewährt daher, von der
Seite besehen, einen Anblick wie ein flaches Hügel¬
land. Man scheint daran keinen ästhetischen An-
stoss genommen zu haben. Ebenso regellos sind die
Borten gezogen, welche die einzelnen Bildstreifen ein¬
fassen, wie das auch unsere Abbildungen deutlich
wiedergeben. Von gerader Linie ist dabei wenig zu
spüren. Der ganze Bildercyklus überhaupt macht den
Eindruck einer flott und mit grosser Geübtheit aber
ohne sonderliche Sorgfalt hingestrichenen Arbeit.
Zunächst hat man auf den weiss gelassenen Mal¬
grund die Umrisse in rotbrauner Farbe vorgezeichnet,
wohl mit dem Pinsel, denn diese Umrisslinien sind
sehr verschieden stark und zeigen ein An- und Ab¬
schwellen. Die feineren Teile, Gesichter, Hände,
Pferdegeschirr, Besatz der Gewänder und die Namens¬
überschriften sind dann mit schwarzer Farbe besonders
eingezeichnet, gelegentlich auch einzelne Linien der
rotbraunen Vorzeichnung damit übergangen oder
korrigiert Die zu kolorierenden Flächen sind dann
teils mit derselben rotbraunen Farbe, wie die Vor¬
zeichnung, teils mit einem leuchtenden Goldgelb aus¬
gemalt, alles übrige einfach weiss gelassen worden.
Eine besondere blaugraue Farbe für die Rüstungen
und Waffen, die Gerland seiner Zeit zu erkennen
glaubte, vermochte ich nicht festzustellen. Zum
Schluss ist das Ganze wohl mit irgend einer Wachs¬
lösung oder etwas Ähnlichem überstrichen worden,
wie das bei den mittelalterlichen Wandmalereien
üblich war1). Daher rührt der feine Glanz, der noch
heute über den unbeschädigten Teilen der Bilder
schimmert. Die auffallend frische Erhaltung und Leucht¬
kraft der Farben an einigen Stellen ist wohl in der
Hauptsache dieser Schutzdecke zu verdanken. Möglich
ist auch, dass der Putz vor der Bemalung ausserdem
mit der heissen Kelle abgezogen worden war, wie
das noch jetzt bei der Stuccolustro-Technik der Ita¬
liener im Gebrauch ist und wie es im Mittelalter für
viele Wandmalereien mit ziemlicher Sicherheit ange¬
nommen werden kann2).
Ob die aufgesetzten Farben Temperafarben im
gewöhnlichen Sinne des Wortes waren oder mit einer
Mischung von Wachs, Lauge und Leim angemacht,
wie das Malerbuch vom Athos (§ 37) empfiehlt,
1) Vgl. dazu die Untersuchungen Ernst Berger* sy »Bei¬
träge zur Entwicklungsgeschichte der Maltechnik« 1893 f.
und P. Weber , Die Wandgemälde zu Burgfelden, 1896,
S.63L
2) Vgl. darüber »Wandgemälde zu Burgfelden« S. 64.
IM HESSENHOFE ZU SCHMALKALDEN
lässt sich jetzt nicht mehr entscheiden und ist auch
von nebensächlicher Bedeutung. Jedenfalls hat die
hier geübte Technik mit den Techniken, die man unter
dem Sammelnamen Fresko zusammenzufassen pflegt,
nichts zu thun.
VI.
KÜNSTLERISCHE WÜRDIGUNG
DER SCHMALKALDER WANDGEMÄLDE.
Zweierlei wird dem modernen Beschauer an
der künstlerischen Ausschmückung der Schmalkalder
Herrentrinkstube zunächst auffallend erscheinen: Die
völlige Bedeckung des ganzen Gewölbes und des
oberen Teiles der Vertikalwände mit unmittelbar an¬
einander stossenden Parallelstreifen und zweitens die
nur durch Bäume und Türme getrennte Aneinander¬
reihung der Scenen innerhalb jedes einzelnen dieser
Streifen. Auf eine abgeschlossene künstlerische Wir¬
kung des einzelnen Bildes ist damit von vornherein
Verzicht geleistet. Nur das Rundbogenbild macht
hiervon eine Ausnahme. Es ist ein geschlossenes
Bild für sich. Die sämtlichen Scenen der Längs¬
streifen aber wollen gar nicht als abgeschlossene Bilder
wirken, sondern als eine Gesamtdekoration mit fort¬
laufendem erzählenden Inhalte. Das Gewölbe wird
einfach in Parallelstreifen zerlegt, die nur durch
schmale Borten geschieden sind. Eine solche Be¬
malung des ganzen Gewölbes mit Parallelstreifen
findet sich gelegentlich auch in der kirchlichen Kunst
der vorhergehenden Jahrhunderte. Ich verweise als
Beispiel auf die ins 1 2. Jahrhundert gesetzte Bemalung
der tonnenüberwölbten Krypta zu St Savin (Poitou),
die in einer Abbildung in dem grossen Werke von
Gelis-Didot und Laffilleei) einzusehen ist Dort aber
sind die einzelnen Bildstreifen durch zierliche breite
Ornamentborten geschieden. Und wo Gewölbe und
Wand sich scheiden, ist dort eine sofort in die Augen
fallende stärkere Trennung der Bildstreifen ange¬
bracht. ln Schmalkalden aber hat der Maler so wenig \
Empfinden für eine künstlerische Eingliederung der gan¬
zen Dekoration in die Architektur gehabt, dass er die
Scheidungslinie zwischen Gewölbe und Wand nicht
anders hervorhebt, als durch dieselbe schmale
Trennungsborte, die er auch sonst zwischen den ein¬
zelnen Bildstreifen anwendet. So gleitet also die
Erzählung ohne besonderen Accent auf der einen
Längsseite von der Vertikalwand aufs Gewölbe hin¬
auf, auf der andern Seite ebenso vom Gewölbe
wieder hinab. Daher wirkt die Gesamtbemalung
weniger als Dekoration der Architektur, was sie doch
von Haus aus thun sollte, als vielmehr wie ein die
Architektur verhüllendes Gewand. Mit dieser Gleich¬
gültigkeit gegen das architektonische Gerüst des Raumes
hängt es nun auch zusammen, dass der Maler nicht
einmal die Scheitellinie des Gewölbes beachtet, die
er doch an und für sich schon durch eine stärkere
und besonders verzierte Trennungsborte hätte hervor¬
heben sollen. Sondern er lässt den vierten Bild-
1) »La peinture decorative en France.« Seitenzahlen
hat das Werk nicht.
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DIE I WEINBILDER AUS DEM 13. JAHRH. IM HESSENHOFE ZU SCHMALKALDEN
15
streifen ganz unbekümmert noch ein gut Stück über
die Scheitellinie hinübergreifen, so dass die Köpfe
der auf diesem Streifen dargestellten Personen nach
unten zu hängen beginnen. Von einer Rücksicht¬
nahme auf die Krümmung der gewölbten Fläche
durch Anbringung von Verkürzungen ist selbstver¬
ständlich weder bei diesem noch bei den anderen
Streifen die Rede. Das ist ja auch von einem Künstler
dieser Zeit noch nicht zu verlangen. Aber dass er
die Mittellinie nicht respektierte und nicht zum Aus¬
gangspunkte der Dekoration machte, zeugt von grosser
Sorglosigkeit und einer doch auch für diese Zeit
überraschenden Unempfindlichkeit für Raumdisposition.
Das vorhin erwähnte Versehen in der Richtung
des fünften Streifens erklärt sich wohl auch aus dieser
Sorglosigkeit.
IMit dem Augenpunkte steht es mangelhaft
Darin ist der Schmalkalder Künstler noch ein gut
Teil unbeholfener, als im Durchschnitt die Miniatur-
1 maler der gleichen Zeit. Obwohl wir die Gemälde¬
streifen doch alle von unten zu betrachten ge¬
zwungen sind, mit Ausnahme des untersten an der
Westwand, der ursprünglich nur wenig über Augen¬
höhe hinlief, ist ein stark überhöhter Augenpunkt
vom Maler auf fast allen Scenen durchgeführt. Und
in einzelnen Fällen wird derselbe der Deutlichkeit zu
Liebe zu einer Art Vogelperspektive emporgeschraubt,
so bei Darstellung der gedeckten Tafel auf dem
Hauptbilde im Rundbogenfelde, des toten Askalon
auf seinem Bette (Scene 8), der auf dem Lager
liegenden Paare (Scene 1 und 14), der Platte des
Zauberbronnens (Scene 4 und 15), des Fallgatter-
thores (zwischen 6 und 7), was nicht ausschliesst,
dass gelegentlich auch mal das Gegenteil, eine Art
Untensicht, mit unterläuft, z. B. bei den Rossen auf
Scene 6 und 17.
Auffallend gering ist die plastische Modellierung.
Doch fehlt es nicht ganz an Versuchen dazu. Die
Thürme auf 8/9, 9/10, 12/13 und *9 erwecken that-
sächlich den Eindruck der Rundung und haben das
früher, bei unversehrtem Zustand der Malereien, ver¬
mutlich noch viel mehr gethan. So mögen auch
die Schatten in den farbigen Flächen der Gewänder
ursprünglich viel wesentlicher den Eindruck mit be¬
stimmt haben, als gegenwärtig. Die perspektivische
Einzeichnung der kleinen Rundbogenfenster in den
Türmen, wie sie namentlich bei 12/13 und am mitt¬
leren Stockwerk von 9/10 noch deutlich zu erkennen
ist, beweist doch, dass dem Künstler wenigstens der
Gedanke zu perspektivischen Anfängen nicht ganz
fern lag. Aber eben nur Anfänge dazu. Denn in
der Gesamtanlage der Darstellungen ist von einer
Vertiefung im Raume nirgends etwas zu fühlen. Die
Figuren kleben alle auf dem Vordergründe fest, der
Vorgang vollzieht sich fast durchweg auf einer geraden
Linie unmittelbar über der Einfassungsborte und ver¬
läuft von rechts nach links oder von links nach rechts,
nie aber von vorn nach hinten, in die Tiefe hinein.
Wo doch einmal Körper hintereinander dargestellt
werden müssen, wie z. B. die beiden nebeneinander
schreitenden Rosse auf Scene 1 7 oder Laudine mit ihren
Begleiterinnen hinter dem Totenbette Askalon’s (8)
oder die hinter der Tafel Sitzenden auf dem grossen
Bogenfeldbilde, da wird das Hintereinander durch
ein Übereinander gegeben.
Von einem realen Hintergründe wird völlig ab- I
gesehen. Alle frei bleibenden Flächen des weiss ge- I
lassenen Grundes sind ausgefüllt mit rotbraunen •
Sternchen, ln grösserer Zahl sind dieselben erhalten
geblieben auf Scene 6, 10, 11, 12, 13 und 17. Es
ist aber selbstverständlich, dass auch auf den andern
Scenen, wo jetzt diese Füllstemchen ausgeblichen
sind, alle leeren Flächen auf solche Weise verziert
waren. (Besonders charakteristisch auf Scene 12 die
Ausfüllung des schmalen Zwischenraumes zwischen
der letzten Person rechts und dem einrahmenden
Turme, ebenso auf 13 zwischen den Köpfen der
handelnden Personen.) Das ist der » horror vacaU
aller primitiven Kunstübungen. In diesem Falle
dürfen wir wohl mit Bestimmtheit hinzusetzen, dass
die Teppichwirkerei vorbildlich gewirkt hat, bei welcher
solche ornamentalen Hintergrundsfüllungen aus tech¬
nischen Rücksichten sich ergeben.
Es wurde ja schon in der Einleitung daran er¬
innert, dass neben der Bemalung der Wände mit
Farben die Dekorierung mit ausgespannten Teppichen
in der mittelalterlichen Wohnung sehr beliebt war.
Die Eigenschaft des Teppichbehangs, die Zugluft und
Kälte aus den Wänden abzuhalten, wird ihn in erster
Linie für die kalte Jahreszeit unentbehrlich gemacht
haben. Im Sommer dagegen war er überflüssig und
wurde dann gewiss nur bei feierlichen Gelegenheiten
angewandt. Wollte man die Wände nicht ganz un-
verziert lassen, so musste man sich für diese Zeit
mit der Malerei behelfen. Nichts ist natürlicher, als
dass man in der Bemalung der Wand das vor¬
zutäuschen suchte, was in kostbarerem Material bei
feierlichen Gelegenheiten darüber zu hängen pflegte,
also dass die Wandmalerei den Teppichbehang nach¬
ahmte. Das ist eine Erscheinung, die sich zu allen
Zeiten von der Antike an wiederholt hat Noch
heute wollen ja unsere Wandbemalungen und Papier¬
tapeten vielfach die Illusion eines Teppichbehanges
erwecken. In der kirchlichen Wandmalerei Deutsch¬
lands im Mittelalter können wir das aufs deutlichste
verfolgen. Die ältesten bis jetzt bekannten deutschen
Wandmalereien, die ?u St. Georg auf der Reichenau
aus dem Ende des 10. Jahrhunderts, wirken nicht
nur in dem dekorativen Beiwerk, sondern auch in
ihrer Gesamterscheinung wie ein bunter Teppich¬
behang, der sich oben an den Hochwänden hinzieht
Die Einteilung des Bilduntergrundes in eine Reihe
buntfarbiger Parallelstreifen ist nicht eine unverstandene
Wiederholung des buntstreifigen Himmels auf spät¬
antiken Miniaturen, wie Janitschek1) annahm, sondern
entspricht genau der Art, wie sie damals im deutschen
Hause für den Teppichbehang beliebt war, nämlich
bunte Zeugstreifen aneinander zu heften und dadurch
schon eine dekorative Wirkung zu erzielen.8) Noch
1) Trierer Adahandschrift S. 71.
2) Vgl. Stephani, Die textile Innendekoration, S. 25t
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i6
DIE I WEINBILDER AUS DEM 13. JAHRH. IM HESSENHOFE ZU SCHMALKALDEN
zwingender tritt dieser teppichartige Charakter der
Oesamtwirkung hervor bei dem nächstältesten Denk¬
mal kirchlicher Wandmalerei auf deutschem Boden,
den merkwürdigen Malereien zu Burgfelden auf der
schwäbischen Alb aus der Mitte des 11. Jahrhunderts.1)
Neben der hier wiederkehrenden Einteilung des Mal¬
grundes in bunte horizontal gelagerte Parallelstreifen
von verschiedener Breite spricht vor allem die untere
Einfassungsborte, zwei rote Streifen, die einen blauen,
mit gelben Rosetten besetzten, zwischen sich ein-
Schliessen, aufs unverkennbarste für den Ursprung aus
der Teppichkunst
Auch weiterhin hat die kirchliche Wandmalerei
im Norden die unverkennbare Absicht, eine teppich¬
artige Wirkung zu erzielen. Ausmalungen, wie die
des Domes von Braunschweig (13. Jahrhundert) oder
der Klosterkirche zu Wienhausen (14. Jahrhundert)2 3 * *),
um nur diese beiden sehr instruktiven Beispiele zu
nennen, legen beredtes Zeugnis dafür ab.
Es ist selbstverständlich, dass auch die profane
Wandmalerei, ja diese noch viel mehr, unter dem
Banne der Teppichkunst stand. Waren doch die
Themata der Darstellung die gleichen, wie bei den
Wandbehängen, eine enge Anlehnung der einen
Kunst an die andere daher von selber gegeben. So¬
wohl die Konstanzer und Winterthurer wie die
Regensburger und Ulmer Profanfresken des 14. und
1 5. Jahrhunderts machen durchaus den Eindruck eines
bunten Behanges, der an der oberen Hälfte der Wand
hinläuft In Runkelstein geht der im Neidhartsaale
gemalte höfische Reigentanz im Freien unter grünen
Bäumen vor sich.8) Dennoch ist der ganze Luftraum
des Hintergrundes »durchwebt« mit blauen stilisierten
Ranken, die zu dem sonstigen hier sichtbaren Be¬
streben, die Natur realistisch zu erfassen, in merk¬
würdigem Gegensätze stehen. Sie sind eben ein
traditionell übernommenes Motiv aus der Teppich¬
kunst Die obere Abschlussborte jener Runkelsteiner
Fresken mit den bunten Wappen und »eingewebten«
kleinen Figürchen ist künstlerisch gar nicht zu verstehen
ohne das direkte Vorbild des Teppichbehanges.
In Schmalkalden haben wir wieder diesen teppich¬
artigen Eindruck. Aber während in Runkelstein un¬
1) Vgl. namentlich die Längsstreifen an den Hoch¬
wänden, abgeb. in P. Weber, Die Wandgemälde zu Burg¬
felden, Darmstadt 1896, Tafel II. Eine farbige Abb. des
Hauptbildes ebenda, Tafel I.
2) Farbige leicht zugängliche Abb. in Dohme’s Gesch.
der deut. Baukunst, Tafel zu S. 44 und zu S. 238. Vgl.
auch die grosse Publikation von Borrmann , Aufnahmen
mittelalterl. Wand- und Deckenmalereien in Deutschland,
Berlin, Wasmuth 1895t, wo man eine ganze Fülle von
Belegen für unsere Ausführungen finden wird.
3) Farbige Abb. bei Janitschek, Gesch. der deutschen
Malerei, Tafel zu S. 198, auch bei Henne am Rhyn, Deutsche
Kulturgeschichte.
verkennbar die kunstvollen fabrikmässig hergestellten
Luxusteppiche als Vorbilder vorgeschwebt haben, wie
sie in der zweiten Hälfte des Mittelalters immer massen-
hafter, namentlich aus Flandern, bezogen wurden, haben
wir bei jenem l1/, Jahrhunderte früher entstandenen
mitteldeutschen Denkmale durchaus den Eindruck, dass
hier wohl nur die einfachen weissen, mit wenigen
bunten Farben bestickten leinenen Rücklaken dem Maler
vorgeschwebt haben, wie sie bis zu jenem Zeitpunkte
im wesentlichen von der Frau des Hauses mit ihren
Töchtern und Mägden in emsiger Arbeit hergestellt
wurden, jene einfache Art, als deren ältesten erhaltenen
Vertreter wir oben den Teppich von Bayeux nann¬
ten. Die ganze Trinkstube zu Schmalkalden macht
auf den ersten Blick den Eindruck, als ob sie mit
lauter solchen weissen, zweifarbig bestickten Rücklaken
aus Leinwand bespannt sei, die ohne kunstvollere
Abgrenzung eines direkt ans andere geheftet wor¬
den wären.
Damit soll nun nicht behauptet sein, dass unser
Zeichner direkt solche bestickte Wandbehänge als
Vorlagen vor sich hatte. Er wird sein Skizzen- und
Vorlagenbuch, das er mit sich führte, um bei der
Illustrierung bald dieser, bald jener weltlichen Historie
nicht in Verlegenheit zu kommen, gefüllt haben so¬
wohl mit Nachzeichnungen nach Teppichen, wie mit
Kopien nach den Federzeichnungen und Miniaturen
weltlicher Liederhandschriften oder was ihm sonst an
brauchbaren Vorlagen in den Weg kam. Was hier
als das Wesentliche erscheint, ist nur das, dass er
bei Entwerfen dieser Zimmerdekoration durchaus in
der allgemeinen Auffassung beeinflusst gewesen sein
muss von dem Teppichbehang solcher Wohnräume
und dass sowohl seine Gleichgültigkeit gegen die
architektonische Gliederung des Raumes, wie die
Aneinanderreihung der Parallelstreifen und die Aus¬
füllung jedes leeren Fleckchens mit ornamentalen
Sternchen sich wohl kaum zwangloser erklären lässt,
als aus diesem Vorbilde. Dass auch in den Hand¬
schriftenillustrationen jener Zeit der teppichartig ge¬
musterte Hintergrund eine grosse Rolle spielt, beweist,
in wie enger gegenseitiger Fühlung in dieser Epoche
Wandmalerei, Teppichkunst und Buchmalerei gestanden
haben. In Schmalkalden scheint mir die Teppichkunst
in erster Linie der gebende Teil gewesen zu sein.
Dafür spricht auch, dass die Scenenteilung der einzelnen
Bildstreifen ohne jede Rücksicht auf Parallelismus mit den
darüber und darunter hinlaufenden Streifen angeordnet
ist Vielmehr ist jeder Bildstreifen rücksichtslos als ein
Ganzes für sich behandelt; der mittlere hat 'nur drei,
die anderen meist vier Scenen, und diese sind wieder
untereinander von ganz verschiedener Länge, je nach¬
dem es mehr oder weniger Personen unterzubringen
galt Dabei hat der Künstler augenscheinlich die Dar¬
stellungen so eng als möglich zusammenzupressen
gesucht, um Raum zu sparen, z. B. Scene 7, 16/17, 20.
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12. Laudine verkündet ihre Wahl.
lg. Iwein und König Artus nehmen Abschied .
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DIE 1WEINBILDER DES 13. JAHRHUNDER
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13- Das Ehegelöbnis. 14, Das Beilager.
Speerkampf Iwein’s mit Key. ,5. König Artus am Zauberbronnen.
iwein reitet auf Abenteuer aus. 21. Iwein’s Kampf mit dem Drachen.
S IM HESSENHOFE ZU SCHMALKALDEN
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Abb. 7. Das Mahl des reichen Mannes (Fragment). Rechts sein Tod.
Wandgemälde in der Michaelskirche za Burgfelden. (2. Hälfte des 11. fahrh.)
Wir kommen nun zu den Einzelheiten der künst¬
lerischen Darstellung, wobei folgende Punkte heraus¬
gehoben seien:
In der Körperbildung der menschlichen Gestalten
zeigt der Künstler eine Neigung für etwas zu grosse
Köpfe und zu schmale abfallende Schultern. Die
Hände sind reichlich gross, die Füsse eher zu klein.
Die Gestalten haben nur 5 1/Ä Kopflängen, man hat
das Gefühl, als ob sie sich innerhalb des engenden
Rahmens nicht so recht hätten auswachsen können.
Eine Individualisierung der Gestalten ist nicht erkenn¬
bar, ebensowenig der Gesichter. Alle Männer sind, dem
höfischen Ideale der Zeit entsprechend, jugendlich, bart¬
los, geschmückt mit dem halblangen, doppelt gelockten
Haupthaar, wie es im 13. Jahrhundert Mode war,
alle von derselben Grösse und derselben schmalschul-
terigen Figur. Die beiden Frauengestalten des Cyklus,
Laudine und Lunete, sind, soweit erkennbar, unter
sich auch von gleicher Figur, nur durch Unter¬
schiede in Haartracht und Kleidung charakterisiert.
Dagegen bilden die Tafeldiener und Musikanten auf
dem Bogenbilde hinsichtlich der Grösse eine Ge¬
staltenklasse für sich.
Mit Vorliebe wird die ganze Figur in einem
reichlichen Drei Viertelprofil gegeben, auch bei dem
Mahle, wo doch eine volle Vorderansicht so nahe
gelegen hätte Dementsprechend werden auch die
Gesichter fast durchweg in Dreiviertelprofil gezeichnet,
nur ein einziges Mal (12) haben wir eine volle
Vorderansicht des Gesichtes und der ganzen Gestalt
Da diese ganz gut gelungen ist, versteht man nicht
recht, warum der Künstler sie nicht öfters angewandt hat.
Reine Profilstellung dagegen ist nur dann angewandt,
wenn gleichzeitig dem Künstler die Auszeichnung
der Gesichtslinie erspart blieb, d. h. nur bei Rittern
mit geschlossenem Visier. Bei den Tafeldienem auf
dem Bogenfeldbilde steht der Körper zwar ungefähr
im Profil, die Gesichter aber sind wieder in die be¬
liebte Dreiviertelprofilstellung gedreht Augenschein¬
lich fühlte sich der Künstler zur Zeichnung einer
Gesichtslinie in reinem Profil nicht sicher genug.
Dafür werden aber die Tiere (Rosse, Löwe, Drachen,
Vögel) stets nur im Profil gegeben und zwar mit ganz
leidlichem Geschick.
Die Gesichter waren wohl durchweg in ihren ein¬
zelnen Teilen sorgfältig ausgezeichnet Leider ist
dies mit der vergänglichen schwarzen Farbe geschehen,
mit der auch die meist erloschenen Namensüber¬
schriften aufgemalt waren. Infolgedessen sind nur
ganz wenige Gesichter des ganzen Cyklus in leid¬
licher Erhaltung auf uns gekommen, und damit ist
uns die Möglichkeit benommen, das wichtige Kapitel
des Gesichtsausdruckes eingehender zu studieren, was
für die Beurteilung des künstlerischen Vermögens
unseres Malers von grossem Werte wäre. Immerhin
lässt uns das gut erhaltene Gesicht der jammernden
Laudine auf Scene 8, des suchenden Kriegers (9)
und des Iwein auf dem grossen Bogenbilde den
Schluss ziehen, dass dem Künstler eine gewisse Aus¬
drucksfähigkeit der seelischen Stimmung in den Zügen
des Antlitzes zur Verfügung stand. In hohem Grade
offenbart sich jedenfalls diese Ausdrucksfähigkeit in
den Bewegungen der Hände, die durchweg mit fein¬
ster Beobachtung und grösster Sorgfalt wiedergegeben
sind, wie überhaupt alle Bewegungen. Die grösste
Deutlichkeit war hier schon an und für sich für den
Maler geboten, um den Vorgang verständlich zu
machen. Denn der Künstler, der solch weltliche
Historien im 1 3. Jahrhundert darzustellen hatte, konnte
sich nicht an ein durch Jahrhunderte vererbtes Schema
anlehnen, an eine für jeden sofort verständliche
Tradition der Darstellung, in welcher »das blosse
Beisammensein bestimmter Personen und einiger Sym¬
bole sofort den dargestellten Gegenstand hätte erraten
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DIE IWEINBILDER AUS DEM 13. JAHRH. IM HESSENHOFE ZU SCHMALKALDEN
lassen«1), wie das in der kirchlichen Kunst bis dahin
fast durchweg der Fall war, sondern er musste diese
ganz neuen Stoffe, diese Gestalten der weltlichen
Dichtung durch sorgfältigste Wiedergabe der Körper¬
bewegungen und des seelischen Momentes zu verdeut¬
lichen bemüht sein. Das blosse Nebeneinander der
Personen, wie es der in der umfriedeten Tradition
wandelnde kirchliche Künstler sich gestatten durfte,
musste er zur handelnden Gruppe erheben, die Scene
»psychologisch erläutern«.
Dazu gab ihm allerdings der Dichter die beste
Anregung und Anleitung, denn der Roman Iwein, wie
überhaupt die deutsch-französische Romandichtung seit
dem Beginne des 1 3. Jahrhunderts, ist voll von feinen
psychologischen Beobachtungen, von Hervorkehrungen
der Innenseite der handelnden Personen. Der Maler
brauchte da nur eine gewisse Nachempfindungsfähig¬
keit mitzubringen. Und so gelingt es denn unserm
Künstler thatsächlich in überraschendem Grade, den
inneren Vorgang der einzelnen Scenen deutlich zu
machen, so gut, dass das Spiel der Hände da, wo
der Ausdruck der Gesichter verwischt ist, völlig aus¬
reicht, uns die Handlung erraten zu lassen. (Beson¬
ders hübsch auf Scene 10, 11 und 12 zu beobachten.)
Zweitens aber war dieses Betonen der körperlichen
Bewegungen für den Künstler jener Zeit unbedingt
erforderlich, weil in dieser Zeit der höfischen Kultur
eine Fülle von Bewegungen streng nach der Kon¬
vention geregelt waren und etwas Bestimmtes zu be¬
deuten hatten. Die Dichtungen selbst versäumen nicht,
immer und immer wieder die Bewegungen zu be¬
richten, die der Held in dieser oder jener Lage aus¬
zuführen pflegt, denn das ist durchaus etwas Wesent¬
liches an ihm, er erweist sich dadurch als »von höfi¬
scher Zucht und Sitte«, als vollwertig und ebenbürtig
der konventionell geschliffenen Gesellschaft, die sich
mit seinen Abenteuern zu befassen geruht. Der Maler
weltlicher Historien musste also sorgfältig auf diese
Dinge eingehen.
So steht denn Iwein (Scene 11) bei der ersten
Begegnung mit Laudine in jener ehrfürchtigen vor-
schriftsmässigen Haltung, die fast der eines Gefangenen
ähnelt, wie sie bei solchem Anlass in den zeitgenös¬
sischen Dichtungen immer geschildert wird:
»Seine Hände er vor sich zwang«.
So ist die Anteilnahme der Umstehenden an der
Verkündigung der Verlobung (12) und an dem Ehe¬
versprechen (13) mit ganz bestimmter Haltung der
Hände zum Ausdruck gebracht. Die jammernde
Laudine (8) umklammert mit der Linken die rechte
Handwurzel. Die Art, wie Iwein den Zauberring
entgegennimmt (7) oder den Waldriesen begrüsst (3),
entbehrt nicht der konventionellen Geziertheit, ebenso
die Fusshaltung Laudinens (12). Auf der grossen
Mahlscene ist die Art, wie die durch Zutrinken Be¬
ehrten für diese Ehre mit einer Handbewegung sich
bedanken und wie Lunete ihrem dozierenden Tisch-
1) /?. Kautzsch, Einleitende Erörterungen zu einer Ge¬
schichte der deutschen Handschriften-Illustration im spä¬
teren Mittelalter. 1804. S. 15.
herm zuhört, höchst charakteristisch. Bis an die Grenze
des Komischen streift dann das Ceremonielle der Be¬
wegungen bei den vier Tafeldienem auf dieser Scene, so¬
wohl im Emporstrecken und zierlichen Anfassen der
Pokale, wie in der parallelen Haltung der Stäbe, der Ab¬
zeichen ihres Amtes. Die auf der rechten Seite der
Tafel halten ihre Stäbe mit gestrecktem, die auf der
linken Seite mit gebogenem Arm. Das ist alles nicht
etwa Willkür des Künstlers, sondern ein treues Ab¬
bild der konventionellen Sitten der Zeit Für dienende
Personen, wie die Tafeldiener, scheint sich das Vor-
schriftsmässige der Bewegungen schon frühe heraus¬
gebildet zu haben. Auf den in die zweite Hälfte des
1 1. Jahrhunderts zu setzenden Wandgemälden zu Burg¬
felden finden wir bei der Mahlscene des Reichen fast
dieselbe Haltung der Pokale und des Stabes wieder
(siehe Abb. 7).
Dass in jener Zeit der ritterlichen Kultur wesent¬
licher Wert auf tadellosen Sitz des Reiters gelegt
wurde, ist selbstverständlich. Unser Künstler hat
nicht versäumt, hierauf die gebührende Aufmerksam¬
keit zu verwenden (6, 16, 17, 20). Sehr sorgfältig
ist auch die kunstgerechte Einlegung der Lanze beim
Speerkampfe wiedergegeben (5, 16) und die Haltung
der Schwerter im Kampfe (6, 21 und etwa noch 9).
Auch mehr zufällige Bewegungen sind mit guter Be¬
obachtungsgabe erfasst, so die Art, wie Iwein (4)
und Artus (15) das Becken am Zauberbronnen an¬
fassen, und vor allem, wie Key aus dem Sattel
purzelt »wie ein Sack«. Zweifellos empfand der Be¬
schauer von damals gerade die Art, wie Herr Key hier
hilfslos mit den Beinen in der Luft herumfährt, als
ganz besonders komisch und erniedrigend. Kam es
doch beim Speerkampf wesentlich auch darauf an, sich
mit Anstand aus dem Sattel heben zu lassen, wenn
es nun doch einmal sein musste. Recht gute Beob¬
achtung offenbart auch die Wiedergabe der Be¬
wegungen der Rosse. Allerdings darf man wohl hin¬
zufügen, dass gerade für dieses Kapitel dem Maler
durch die bisherige Kunst reichlich vorgearbeit war.
Kämpfende Reiterpaare sind schon in der kirchlichen
Kunst der vorhergehenden Jahrhunderte oftmals zur
Darstellung gelangt.
Ebenso gewissenhaft ist der Künstler in der Wieder¬
gabe der Trachten und Waffen . Hier ist kein Weiter¬
schleppen von halb oder gar nicht mehr verstandenen
Motiven, wie in der gleichzeitigen kirchlichen Kunst,
sondern ein getreues Nachahmen der Wirklichkeit.
Das ging wieder, wie bei der psychologischen Ver¬
tiefung der Vorgänge, einerseits aus dem Zwang her¬
vor, diese neue Gestalten- und Geschichtenwelt dem
Beschauer so deutlich als möglich zu machen, anderer¬
seits aus dem grossen Werte, den die höfischen Kreise
auf diese Dinge legten. Es ist einfach undenkbar,
dass der Maler diese Rosse anders aufzäumen, diese
Ritter anders rüsten, diese Damen, ihre Diener und
Dienerinnen anders kleiden konnte, als es eben zu
dieser Zeit der Brauch war. Was hätte es für Zweck
gehabt, diese Erzählungen in einer Kostümierung vor¬
zuführen, die den Beschauern unverständlich gewesen
wäre, da noch keinerlei Tradition für die Illustration
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DIE I WEINBILDER AUS DEM 13. JAHRH. IM HESSENHOFE ZU SCHMALKALDEN
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dieser eben erst gedichteten Romane sich herausgebildet
hatte? Aus diesem Grunde sind denn auch alle diese
Darstellungen, soweit sie Tracht und Rüstung anbe¬
langen, als absolut unverdächtige kulturgeschichtliche
Zeugen ihrer Zeit zu gebrauchen; was man bei
Illustrationen kirchlichen Inhaltes aus dem Mittelalter
stets nur mit Vorsicht thun darf, wie kürzlich mit
Recht ausgeführt worden ist1).
Wie grosses Gewicht auf die Äusserlichkeiten des
\ Kostümes gelegt wurde, können wir recht deutlich aus
1 dem Umstande ersehen, der oben schon kurz gestreift
wurde, dass der Künstler die Herrin Laudine zwischen
der Verkündigung der Verlobung (12) und dem Ehe¬
gelöbnis (13) das Gewand wechseln lässt, ohne dass
der Dichter einen Hinweis darauf gegeben hätte. Die
Freude der Zeit an kunstvoll gewirkten Decken, der
wir in den Dichtungen so oft begegnen, liess den
Maler auf Scene 1 das schlummernde Königspaar mit
einem feingemusterten Stoffe bedecken. Laudine em¬
pfängt regelmässig auf einem Polstersitze von kunst¬
voller Arbeit (10, u, 12), in einem reichgemusterten
Hauskleide (12). Ähnliche reiche Gewänder sind auf
Scene 13 und 19 zu erkennen. Die Leibgurte der
Rosse sind ebenfalls kunstvoll gestickt (16, 17). Noch¬
mals besonders erwähnt seien die buntstreifigen Ge¬
wänder des Tafeldieners und Paukenschlägers auf dem
grossen Mahle.
< Die heraldische Ausstattung der Schilde ist recht
einfach. Deutlich erkennbar ist ein Adlerschild,
1 den der Herr des Zauberwaldes zu tragen hat (5, 1 7)
und ein dreimal rot und weiss wechselnder Balken¬
schild (9). Über dem Panzer tragen die Ritter einen
langen Waffenrock, die Arme stecken, wie es scheint,
in Schienen, die durch Riemen zusammengeheftet
werden (15). Den Kopf schirmt eine Maschenpanzer¬
kapuze (7, 8), über die beim Kampfe dann der Helm
gestülpt wird. Die Aufzäumung der Rosse scheint ur¬
sprünglich mit grosser Sorgfalt wiedergegeben zu
sein, doch ist das leider nirgends genügend erhalten,
wie denn überhaupt von solchen Feinheiten der Aus¬
führung vielerlei verloren gegangen ist
So gewissenhaft nun auch der Künstler in der
l Wiedergabe von Tracht, Waffen und Bewegungen
ist, so wenig realistisch ist er nach allen anderen
Richtungen hin, — auch darin ein rechtes Kind seiner
Zeit Die völlige Gleichgültigkeit dagegen, ob die
Farbe auf dem Bilde mit der des betreffenden Gegen¬
standes in der Natur übereinstimmt, teilt unser Bilder¬
kreis mit der ganzen Malerei des deutschen Mittel¬
alters bis etwa zum Jahre 1400. Das tritt zwar auf
dem Schmalkalder Bilderkreis weniger auffällig hervor,
weil der Künstler nur mit den drei Farben: Weiss,
Rotbraun und Gelb arbeitet Für Waffen, Gewänder
und manche andere Gegenstände war das völlig aus¬
reichend, widerspricht wenigstens der farbigen Er¬
scheinung in der Wirklichkeit nicht direkt Ja, es
lassen sich damit sogar scheinbar realistische Resultate
erzielen, so z. B. bei den Rossen die Unter-
1) Stettiner in den Sitzungsberichten der kunstgeschichtl.
Gesellschaft zu Berlin. 1900. No. Ul.
Scheidung zwischen Rotschecke (4, 5, 6), Schimmel
(5, 6, 16, 17, 20), Apfelschimmel (15) und Fuchs
(16, 17). Mit derselben Überzeugungstreue würde
aber unser Zeichner auch blaue oder grüne Rosse
gemalt haben, wenn diese Farben zufällig mit auf
seinem Programm gestanden hätten, wie er denn
die Baumstämme und Zweige ganz ungeniert gelb,
die Blätter abwechselnd weiss, rotbraun und gelb
wiedergiebt, die Architekturen ebenso, den Löwen (21)
nicht gelb, sondern rotbraun, die Vögel alle gelb.
Welche Gleichgültigkeit gegen wahrheitsgetreue Farben¬
gebung liegt überhaupt schon in der einfachen That-
sache, dass der Maler von vornherein nur mit drei
Farben an sein Thema herantritt!
Wie die Farbe ganz unrealistisch angewandt ist,
so sind auch die Formen der Pflanzen, des Erd¬
bodens, der Gebäude und Himmelserscheinungen mit
vollem Bewusstsein nicht der Wirklichkeit entsprechend,
sondern andeutend, »symbolisch«1) gehalten, wie das
in der deutschen Malerei ebenfalls das ganze Mittel-
alter hindurch bis etwa zum Jahre 1400 üblich war,
nicht aus Unfähigkeit, die Natur realistisch nachzu¬
bilden, sondern weil die ganze Kunstauffassung der
Zeit danach ging, nicht die Dinge selbst, sondern nur
deren Erinnerungsbilder dem Auge vorzuführen. Das
genügte dem Wesen des künstlerischen Genusses bei
den Menschen dieser Zeit.
Darum ist das Erdreich einfach eine Reihe ver¬
schiedenfarbiger hintereinander geschobener halbrunder
Scheiben (6, 16, 20), darum eine Burg einfach ein
kleiner runder Turm, durch dessen viel zu niedriges
Thor keine der daneben stehenden Personen zu gehen
vermöchte. Darum ist der Baum eine kurze dicke
Stange, an der auf kurzen Stielen einige riesige
Blätter sitzen. Nur wo es die Deutlichkeit unbedingt
erfordert, bemüht man sich, in der Blattform einiger-
massen die Art des Gewächses kenntlich zu machen.
So zeigen die Bäume auf Scene 2, 4/5, 5/6, 15,
16/17, 20 Blätter von der Form eines Lindenblattes,
weil in der Dichtung von einer Linde die Rede ist
Das Ross Iwein’s ist auf Scene 4 an einen Baum mit
zwei riesigen schildförmigen Blättern angebunden. Das
soll andeuten, dass es sich hier um einen anderen Baum
handelt als eine Linde. Ähnliche Blattformen kehren
noch einmal auf Scene 20/21 wieder. Bei symbolischer
Auffassung im ganzen fehlt es also nicht an realisti¬
schen Einzelheiten. So auch bei den Gebäuden . Sie
sind an sich ganz unmöglich und sind nichts als eine
symbolische Andeutung, dass der von ihnen ein¬
gerahmte Vorgang im Innern einer Burg spielt.
Das schliesst aber nicht aus, dass bei 6/7 und 9/10
der Künstler ganz realistisch an dem an sich undenk¬
baren Bauwerk die verhängnisvolle Fallgatter-Einrich¬
tung mit dem niedergesausten Messer möglichst deut¬
lich darzustellen unternimmt Über den architekto¬
nischen Abschluss* der linken Seite von 8 und 12
und der rechten Seite von 11 lässt sich nichts Be-
1) Vgl. über die Bedeutung des Begriffes »symbolisch«
in diesem Zusammenhänge die Ausführungen von Kautzsch
a. a. O. S. 10.
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DIE I WEINBILDER AUS DEM 13.JAHRH. IM HESSENHOFE ZU SCHMALKALDEN
stimmtes sagen, da die Zerstörung hier leider zu
stark ist Sehr zu bedauern ist auch, dass die An¬
deutung der gewölbten Gemächer auf 1 und 14 bis
zur Unkenntlichkeit verwischt ist
Von Himmelserscheinungen ist erhalten der Hagel
auf Scene 15, die Gewitterwolken auf 16 und 17.
Im übrigen ist natürlich von irgend welcher Herein¬
ziehung des Atmosphärischen in die künstlerische
Darstellung nirgends die Rede.
VII.
DIE ENTSTEHUNGSZEIT DER SCHMAL-
KALDER WANDGEMÄLDE.
Überschauen wir die im vorigen Abschnitt durch¬
gesprochenen Einzelheiten der künstlerischen Dar¬
stellung im Zusammenhänge, so finden wir den
Schmalkalder Künstler durchaus auf der Entwicklungs¬
stufe stehen, welche für die deutsche Malerei im
13. Jahrhundert charakteristisch ist Mit dieser zeit¬
lichen Umgrenzung allein möchten wir uns aber noch
nicht zufrieden geben. Für ein Denkmal aus so ent¬
legener Zeit, das bis jetzt so vereinzelt dasteht und
wichtig genug ist, um in Zukunft für die verschie¬
densten stilkritischen, kultur- und litterargeschicht-
lichen Forschungen als Anhaltspunkt zu dienen, ist
eine möglichst enge Umgrenzung der Entstehungs¬
zeit sehr wünschenswert. Als obere Grenze ist even¬
tuell das Jahr 1204 gegeben, das Vollendungsjahr
der Hartmann’schen Dichtung, falls diese nämlich
wirklich die Grundlage des Schmalkalder Bilder¬
schmuckes bildet Weiterhin lässt sich als untere
Grenze die Thatsache verwerten, dass sowohl die archi¬
tektonischen Formen des Gemaches, an dessen Wän¬
den die Malereien haften, wie auch die auf den Malereien
dargestellten Baulichkeiten noch durchaus romanisch
sind und keinerlei gotische Anklänge verraten. Das
grosse einrahmende Ornament am Bogenfeldbilde ist
ebenfalls ausgesprochen romanisch.
Nehmen wir das allmähliche Vordringen gotischer
Formen in Mitteldeutschland von der Mitte des
1 3. Jahrhunderts an, so erscheint ein Herabrücken der
unteren Zeitgrenze unserer Malereien wesentlich über
diesen Zeitpunkt hinaus nicht thunlich, wenn auch
nicht verkannt werden soll, dass in der Malerei ro¬
manische Formen weit länger festgehalten worden
sind, als in der Baukunst
Gerland hat die Entstehung dieses gemalten
Iweincyklus in Verbindung gebracht mit der Pflege
der Dichtkunst am Hofe des Landgrafen Hermann von
Thüringen, die mit dessen Tode ihr Ende erreichte.
Er möchte daher die Entstehung vor 1215 ansetzen.1)
Ich glaube nicht, dass die Ausmalung eines Ritter¬
sitzes mit Darstellungen aus einer zeitgenössischen
Romandichtung damals etwas so Vereinzeltes gewesen
ist, um so weitgehende Folgerungen daran zu knüpfen.
Vielmehr ist mir das Schmalkalder Denkmal nur ein
Beleg mehr für die urkundlich weit verbreitete Lieb¬
haberei der ritterlichen Blütezeit, die Darstellungen
*) Hermann starb übrigens erst 1217.
epischer Stoffe zum Schmucke der Wände heranzu¬
ziehen, sei es in Stickerei, Wirkerei oder Wandmalerei.
Schon die Geübtheit und »Fixigkeit« des hier thätig
gewesenen Malers spricht dafür, dass er in der Dar¬
stellung solcher weltlichen Historien wohlerfahren ge¬
wesen sein muss. Wie viele ähnliche Dekorationen
mit Scenen aus den beliebtesten Dichtungen der Zeit
mag er geschaffen haben auf den Burgen des Adels
weit im Lande herum, ehe ihn der Ruf des land¬
gräflichen Ministerialen in das Herrenhaus zu Schmal¬
kalden führte, wo nun zufällig, durch eine freund¬
liche Verkettung scheinbar höchst nachteiliger Um¬
stände, dieses Werk seines flotten Pinsels als das ein¬
zige Zeugnis seiner Thätigkeit bis auf unsere Tage
erhalten geblieben ist Eine Anregung des auftrag¬
gebenden landgräflich-thüringischen Ministerialen durch
die Pflege der Dichtkunst am Hofe seines Landes¬
herren mag ja nicht ausgeschlossen sein, ist aber eben
doch nichts mehr als eine Vermutung.
Auf die Jahre 1 204 bis 1 2 1 5 werden wir uns also nicht
festzulegen brauchen. Aber in die erste Hälfte des 13.
Jahrhunderts im allgemeinen werden wir auch durch
andere Erwägungen verwiesen: Um die Wende des
13. zum 14. Jahrhundert tritt in der deutschen Hand¬
schriftenillustration neben die bisherige Art, die
Geräte und sonstige Gegenstände darzustellen, unver¬
kennbar etwas Neues, nämlich die Darstellung solcher
Dinge mit einer gewissen Ausführlichkeit und genre¬
haften Ausgestaltung. Unverkennbar ist von da an
eine Freude an der Wiedergabe dieser Dinge um
ihrer selbst willen. Es sind das die ersten An¬
zeichen einer neuen Gesamtauffassung der Kunst, die
etwa hundert Jahre später zur völligen Zersprengung
der mittelalterlichen Wiedergabe der Aussenwelt
führte 1). In den Schmalkalder Wandgemälden ist
von dieser neuen Auffassung der Dinge noch wenig
zu verspüren. Wohl ist die Wiedergabe der Waffen,
der Aufzäumung und Tracht mit grosser Sorgfalt ge¬
geben, wohl sind kostbare Decken und Gewänder,
der Wechsel der Toilette, die seltsamen Kleider der
Tafeldiener und Spielleute Zuthaten zu den Worten
des Dichters. Aber das sind alles selbstverständliche
Dinge, sie gehen noch nicht über das hinaus, was zur
Verdeutlichung des Vorganges und der einzelnen
Personen notwendig ist Es ist noch nicht die Dar¬
stellung dieser Dinge lediglich um ihrer selbst willen,
noch nicht die liebevolle genrehafte Ausgestaltung, die
auch Beiwerk hinzufügt, was zur Erläuterung des Vor¬
ganges gar nicht mehr erforderlich ist, wie das um
1300 beginnt Ein Maler um das Jahr 1300 würde die
Scene am Zauberbronnen (4 und 1 5), oder die Klage
am Totenbette Askalons (8), das Suchen nach Iwein
(9), oder etwa das Zusammentreffen mit dem Wald¬
riesen (3) ganz anders aufgefasst haben und würde
sich diese günstigen Gelegenheiten nicht haben ent¬
gehen lassen, um seine Fertigkeit im Erfassen des
gegenständlichen Beiwerkes mit innerem Behagen vor
dem Beschauer zu zeigen. Auch aus diesem Grunde
1) Vgl. dazu die Ausführungen von Kautzsch, »Einleitende
Erörterungen^, S. 38.
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Abb. 8 und g. Aus der Parzival- Handschrift der Münchener Hof- und Staats-Bibliothek.
22
DIE I WEINBILDER AUS DEM 13. JAHRH. IM HESSENHOFE ZU SCHMALKALDEN
also dürfen wir wohl mit der Datierung unserer Bilder
ein gut Stück vom Ende des 13. Jahrhunderts ab¬
rücken.
Stilistische Vergleiche sind in diesem Falle nur mit
grosser Vorsicht anzuwenden, denn figürliche profane
Wandmalereien des 1 3. Jahrhunderts besitzen wir sonst
auf deutschem Boden nicht. Die ritterlichen Dar¬
stellungen in der Loggia dei Cavalieri zu Treviso (vgl.
oben S. 3), die Schlosser in den Beginn des 14. Jahr¬
hunderts setzt und ich lieber dem Ende des 1 3. Jahr¬
hunderts zuweisen möchte, sind doch aus einer wesent¬
lich grösseren Kunstauffassung heraus geschaffen, so
dass sie zur Messung eines zeitlichen Abstandes von
den Schmalkalder Bildern wenig zu gebrauchen sind.
Die kirchliche Wandmalerei, von der wir ja aus dem
13. Jahrhundert eine ganze Reihe Denkmäler auf
deutschem Boden besitzen , lässt sich nicht ohne
weiteres zu Vergleichen heranziehen, weil hier das
Schreiten in den alten gebahnten Geleisen der Tradition
dem Künstler eine äusserliche Ueberlegenheit in Kom¬
position und Formengebung verleiht, die leicht der
auf ungebahnten Wegen vorwärts strebenden Profan¬
kunst gegenüber zu Fehlschlüssen verführt.
Das sicherste Vergleichungsmaterial bieten uns die
Illustrationen der weltlichen Handschriften , insbeson¬
dere der Liederhandschriften, welche gleiche oder ver¬
wandte Stoffe behandeln, und
dabei in derselben Weise um
die künstlerische Bewältigung
dieser neuen Gestalten weit zu
ringen haben, wie die Wand¬
malerei in den Schlössern der
ritterlichen Gesellschaft
Es wurden ja gerade im
1 3. Jahrhundert zahlreiche
Prachthandschriften der be¬
liebtesten Romane mit bald
mehr, bald weniger kunst¬
vollem Bilderschmucke für
den Privatgebrauch der hö¬
fischen Kreise hergestellt
Leider sind dieselben weder
nach der sprachlichen noch
nach der kunstgeschichtlichen
Seite hin bisher gesammelt
und übersichtlich zusammen¬
gestellt, was eine sehr ver¬
dienstliche und erspriessliche
Arbeit wäre. Nicht einmal
sicher datiert nach den neue¬
sten Ergebnissen der For¬
schung sind die Mehrzahl
von ihnen.
Auffallenderweise befin¬
det sich nun unter den ziem¬
lich zahlreich erhaltenen illu¬
strierten deutschen Lieder¬
handschriften des 1 3. und 1 4.
Jahrhunderts keine einzige
des Iwein. Abgeschrieben ist
diese Dichtung oft genug
worden, wie die Zusammen¬
stellung der erhaltenen Hand¬
schriften in der Einleitung zu
Henrici’s Iwein- Ausgabe
zeigt Aber ein merkwürdiges
Spiel des Zufalls hat es ge¬
wollt, dass von den doch
sicher einst zahlreichen illu¬
strierten P/mrArtiandschriften
dieses Romans nur eine auf
uns gekommen ist, und diese
Abb. 10 . Aus der Tristan- Handschrift in der Münchener Hof- und hat lediglich ornamentalen
Staats-Bibliothek . Initialenschmuck. Es ist die
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DIE IWEINBILDER AUS DEM 13. JAHRH. IM HESSENHOFE ZU SCHMALKALDEN
23
älteste, die Giessener Handschrift (erstes Jahrzehnt des
1 3. Jahrhunderts). Alle anderen erhaltenen Abschriften
des Iwein sind geringe Dutzendware ohne Bilder¬
schmuck.
Erfreulicherweise bietet aber eine Parcivalhand -
Schrift der Münchner Hof- und Staatsbibliothek (Cod.
germ. 19, Cimel. 28) nahe Berührungspunkte zu
unserem Denkmal. Zunächst zeigen uns ihre in Deck¬
farbenmalerei hergestellten Illustrationen die Menschen
ebenso gekleidet und bewaffnet, wie die Schmal-
kalder Wandbilder. Das deutet also schon darauf
hin, dass der zeitliche Abstand zwischen beiden Denk¬
mälern nicht allzugross sein kann. Sodann aber be¬
steht auch eine unverkennbare künstlerische Verwandt¬
schaft, von der die beiden Bildproben auf S. 21
wohl auch ohne ausführliche Erläuterung eine ge¬
nügende Vorstellung vermitteln.
Allerdings ist unverkennbar, dass der Zeichner
dieser Miniaturen der grossen Kunst der Zeit wesent¬
lich näher steht, als der Schmalkalder Meister. Wie
ganz anders weiss er — um nur dies hervorzuheben —
eine grössere Anzahl Menschen um einen Mittelpunkt
zu gruppieren, nötigenfalls auch in mehreren Reihen
hintereinander, oder die Anteilnahme aller Umstehen¬
den an dem Hauptvorgange zum Ausdruck zu bringen.
Auch die Verteilung im Raume, die Grössenverhält-
nisse zwischen Mensch, Tier und Baum sind wesent¬
lich besser, selbst eine gewisse, wenn auch geringe,
Vertiefung im Raume ist erreicht Alle Bewegungen
sind lebhafter und freier und die Individualisierung
der Gesichter und Gestalten wesentlich fortgeschrit¬
tener, als in Schmalkalden. Es ist vor allem eine
gewisse Freizügigkeit der Kompositionsweise, die ihn
aufs vorteilhafteste von der mehr engen und ängst¬
lichen Art des Schmalkalder Meisters unterscheidet
und deutlich erkennen lässt, dass dieser Buchmaler
an weit besseren Vorlagen sich geschult hatte, als unser
Wandmaler. Trotz alledem stehen diese Miniaturen
auf derselben allgemeinen Entwicklungsstufe wie unsere
Wandgemälde, eine nahe zeitliche Nachbarschaft wird
nicht von der Hand zu weisen sein, wozu, wie schon
erwähnt, ausserdem noch die genaue Übereinstimmung
in Tracht und Bewaffnung kommt
Auf derselben Bibliothek befindet sich eine andere
Handschrift, deren Zeichner etwa die Vorbildung des
Schmalkalder Meisters besass. Es ist ein reich illu¬
strierter Tristan (Cod. germ. 51, Cimel. 27). Die eigen¬
tümlich geschwungenen Gestalten (vgl. die neben¬
stehende Bildprobe) !), die architektonische Umrahmung
und die Wiedergabe der Vegetation ist zwar verschieden
von der Art unseres Wandmalers, aber die allgemeine
künstlerische Verwandtschaft weist bestimmt auf eine
ungefähr gleiche Entstehungszeit
Beide Handschriften nun, der Parcival wie der
1) Die Bildproben aus beiden Handschriften verdanke
ich Herrn Dr. Hans v. d. Oabelentz. Ihm, sowie Herrn
Dr. Arthur Haseloff, der mir in liebenswürdigster Weise
sein reiches Photographienmatcrial zum Vergleich zur Ver¬
fügung stellte, möchte ich auch an dieser Stelle herzlichst
danken.
Tristan, werden von der germanistischen Forschung
aus sprachlichen Gründen noch in die erste Hälfte
des 13. Jahrhunderts gesetzt1). Wir werden also auch
diese Vergleiche dazu verwerten dürfen, die Entstehungs¬
grenze unserer Schmalkalder Bilder nicht wesentlich
über die Mitte des 13. Jahrhunderts hinauszurücken.
Endlich bleibt uns noch ein Mittel zur Datierung,
das zuweilen recht genaue Anhaltspunkte zu er¬
geben vermag: Tracht und Bewaffnung. Dass diese
hier als unbedingt zuverlässige Grundlagen zu ver¬
wenden sind, was bei gleichzeitigen kirchlichen
Darstellungen durchaus nicht immer der Fall ist,
wurde oben ja schon dargelegt.
An Helmformen treten nur zwei Arten auf, der
oben flach geschlossene Topf heim mit zwei wag¬
rechten Augenschlitzen und ein einziges Mal (Scene 9
ein runder Eisenhut, der das ganze Gesicht frei lässt
Letzterer ist über mehrere Jahrhunderte verbreitet, der
Topfhelm aber in dieser spezifischen, ganz einfachen
Form mit der noch nicht geknickten halbrunden Aus¬
bauchung vorm Gesicht und den doppelten Streifen
oben, die den Oberteil ganz ähnlich einer modernen
Kommismütze erscheinen lassen, ist eine Eigentüm¬
lichkeit der ersten Hälfte und der mittleren Jahr¬
zehnte des 1 3. Jahrhunderts. Ein Vergleich der
Siegel , die ja immer für solche Fragen den zu¬
verlässigsten Aufschluss geben, zeigt ganz deutlich,
dass sich in den Jahrzehnten nach der Mitte des
1 3. Jahrhunderts diese Helmform allmählich verliert2).
Ungefähr das Gleiche gilt von dem dreieckigen
Schilde , den die Reiter auf den Schmalkalder Wand¬
bildern führen, nur dass diese Form schon vor dem
1 3. Jahrhundert mehrfach vorkommt In den späteren
Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts gestalten sich die
oberen Ecken anders.
Die Fusskämpfer führen einen anderen, wesent¬
lich grösseren, stark gewölbten Schild (Scene 9) mit
abgerundeten oberen Ecken. Diese Form findet sich
in Deutschland im 1 2. Jahrhundert und verschwindet
ebenfalls in der zweiten Hälfte des 1 3. Jahrhunderts.
Das verhältnismässig kurze, an der Spitze abge¬
rundete Schwert mit breiter Parierstange und Kugel¬
griff, die einzige Form, die in Schmalkalden auftritt,
findet sich zeitlich im wesentlichen parallel mit dem
Topfhelm. Gegen Ende des 13. Jahrhunderts wird
1) Vgl. Massmann, Tristan S. 591 und Lachmann,
Wolfram 5 s. XXVII.
2) Um ein leicht zugängliches Handbuch zu nennen,
verweise ich auf Seylery Geschichte der Siegel: 1. Ludwig IV.
von Thüringen 1219 (S. 262); 2. Graf Albert von Orla-
münde 1224 (S. 154); 3. Gottfried von Hohenlohe 1235
(S. 372); 4. Pfalzgraf Berlewin 1242 (S. 344); 5. Herzog
Walram>on Limburg 1254; 6. Stadt Schwerin 1255 (S. 187).
Als 'spätestes: 7. Herzog Friedrich von Lothringen 1286
(S. 131). Vgl. ferner die Siegel der Österreich. Herrscher,
Mitt d. K. K. E. K. IX, 236-260, spez. Leopold d. Glor¬
reiche (1208—30), Friedrich der Streitbare (1234—36), Her¬
mann von Baden (1249—50). Vgl. ausser den bekannten
Trachten werken vor allem Demay, le costume au moyen-äge
d’aprfes les sceaux, Paris 1880.
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24
DIE I WEINBILDER AUS DEM 13. JAHRH. IM HESSENHOFE ZU SCHMALKALDEN
die Klinge am Griffende breiter, an der Spitze ganz
schmal 1).
Die Haustracht der Männer und die Frauentracht
sind in ähnlicher Form durch das ganze 13. Jahr¬
hundert nachzuweisen. Feinere Einzelheiten sind
nicht zu erkennen, deshalb ist von einer eingehen¬
deren Verwertung dieser Anhaltspunkte Abstand ge¬
nommen worden.
Wir dürfen aber wohl mit ziemlicher Bestimmtheit
als Schlussergebnis unserer Untersuchung die zeitliche
Umgrenzung aufstellen: erste Hälfte bis Mitte des
13. Jahrhunderts.
Damit wäre diesem nach so vielen Richtungen
hin interessanten Bilderkreise seine zeitliche Stellung
angewiesen. Gern wäre dies auch in entwicklungs¬
geschichtlicher Hinsicht mit derselben Ausführlichkeit
geschehen und wären zur Abrundung der Arbeit die
Verbindungsfäden nach den verschiedenen Haupt¬
strömungen der deutschen Kunst des 1 3. Jahrhunderts
und vor allem auch nach Frankreich hinübergezogen
worden. Denn von dort kamen nicht nur die Stoffe
der ritterlichen Romandichtung, sondern auch wesent¬
liche Züge in der künstlerischen Verkörperung der¬
selben. Nur auf Eines möchte ich hier im Vorbei¬
gehen gleich hinweisen. Die Farbengebung gelb
und rotbraun auf weissem Grunde, wie wir sie bei
1) Vgl. z. B. Eberhard den Scherer von Tübingen 1293,
Abb. Seyler S. 264.
den Schmalkalder Wandbildern antreffen, entspricht
durchaus einer bevorzugten Farbenzusammenstellung
in den westfränkischen Gebieten um die Wende des
1 2. zum 1 3. Jahrhundert Ich nenne nur die aus dieser
Zeit stammenden bemalten Holzdecken im Museum
zu Metz; die aus dem Anfang des 13. Jahrhunderts
stammende Bemalung des sog. Templerrefectoriums
auf der Citadelle zu Metz; die ornamentale Einfassung
der etwa gleichzeitigen Fresken in der Kirche SJacque-
les-Guerets (Loire et Cher); dann aus dem Anfang des
14. Jahrhunderts die interessanten Profanfresken im
Turm „Ferrande“ zu Pernes (Vauduse), wo selbst die
Überstreuung des weiss gelassenen Grundes mit roten
Sternchen ganz ähnlich wie in Schmalkalden wieder¬
kehrt (Kopien der beiden zuletzt genannten Denk¬
mäler in der Sammlung des Trocadero zu Paris.)
Aber ich muss mir, da es an umfassenderen Vor¬
arbeiten und vor allem an einer übersichtlichen Dar¬
stellung der Entwicklung der deutschen Malerei im
1 3. Jahrhundert noch mangelt, zur Zeit diese weiteren
Ausführungen versagen und dieselben einer späteren
zusammenfassenden Bearbeitung der Profankunst des
13. Jahrhunderts Vorbehalten, für die noch so vide
Schätze ungehoben liegen. Möchte inzwischen die
vorliegende Einzelstudie an ihrem bescheidenen Teile
dazu beitragen , die Fäden zwischen den beiden
Schwesterwissenschaften etwas enger ziehen zu helfen,
die sich gegenseitig gerade für diesen Zeitraum so
wenig entbehren können, zwischen Litteratur- und
Kunstgeschichte.
Druck von Ernst Hedricb Nachf., G m. b. H., Leipzig.
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